Der weiße Aar

A. Droste-Hülshoff

Am grünen Haag, auf fettem Wiesengras,

Ein Stier behaglich wiederkäut den Fraß,

Auf dürrem Ast ein Adler saß,

Ein kranker Aar,

Mit gebrochnen Schwingen.

Steig' auf, mein Vogel, in die blaue Luft,

Ich seh' dir zu, aus meinem Kräuterduft,

Weh! weh! umsonst die Sonne ruft

Den wunden Aar

Mit gebrochnen Schwingen.

O! Vogel, warst so stolz und freventlich,

Und keine Fessel wolltest ewiglich,

Weh! weh! zu Viele über mich!

Und Aare all,

Brachen mir die Schwingen.

So flatt're in dein Nest, vom Aste fort,

Dein Ächzen schier mir meine Kräuter dorrt,

Weh! weh! kein Nest hab' ich hinfort!

Verscheuchter Aar,

Mit gebrochnen Schwingen.

O Vogel! wärst du eine Henne doch!

Dein Nestchen hättest du im Ofenloch --

Weh! weh! viel lieber ein Adler noch!

Viel lieber ein Aar

Mit gebrochnen Schwingen.