Die Meerfey
A. Droste-Hülshoff
Wie lieblich summt auf Jura's Höh'
Die Biene in dem Blütenwald!
Wie hold klagt der Delphin sein Weh',
Das von der Woge wiederhallt!
Das leichtgewund'ne Ruder schlägt
Zu weißem Schaum die See,
Und Echo zu den Felsen trägt
Die Melodie von Colonsay.
Das Mondlicht wiegt sich auf der Flut,
Die Ruder blinken feucht,
Und auf der weißen Woge ruht
Ein weiblich Wesen leicht.
Sie zog hervor den Perlenkamm,
Und strählt' ihr gold'nes Haar,
Ihr Auge, süß in Liebesgram,
War wie der Mond so klar.
Wie Glockenton, den fern und lies
Der Liebende entdeckt
Im Traume, den die Seele weiß,
Doch der das Ohr nicht weckt,
So zog die süße Melodie
Hin durch die lauschend stille See,
Sprich! hörtest du die Weise nie?
Es ist das Lied von Colonsay.
Auf schwellend leiser Woge schwebt
Sie zu dem Schiffer her,
Und siehe! sich der Jüngling hebt,
Und stürzt sich in das Meer.
Und immer wenn das Jahr erfüllt,
Wie Glöckchen aus der See,
Es klingend durch die Woge quilt,
Die Melodie von Colonsay.
Doch süßer noch und holder klingt
Das Lied der Meerfee auf der See.
Wenn sie die Flut zur Ruhe singt
Dort vor dem Riff von Colonsay.