Vogelweisheit
A. Fielitz
Die Grete half am ersten Mai
Der Mutter Bohnen legen.
Des Nachbars Hans kam auch herbei
Und sprach von Wind und Regen.
Die Mutter ließ die Arbelt stehn
Und schlich sich nach der Tennen:
Da Hub der Haushahn an zu krähn
Und sprach zu seinen Hennen:
»Ei, ei, die Alte läßt allein
Mit einem Mann ihr Töchterlein;
Ihr Weiberleut, ich merke,
Es ist da was im Werke.«
Bescheiden zogen sich zurück
Der Hahn und seine Hühner.
Der Hans in seinem Liebesglück
Ward kühner, immer kühner.
Am Ende schlang er seinem Schatz
Den linken Arm ums Leibchen.
Das sah vom Scheunendach der Spatz
Und sprach zu seinem Weibchen:
»Wenn das geschieht zur Maienzeit
Und sie nicht Mord und Zeter schreit,
So hats was zu bedeuten,
Zumal bei jungen Leuten.«
Die Grete trug an ihrer Hand
Auf einmal einen Reifen.
Nun mag der Spatz im ganzen Land
Von ihrem Glücke pfeifen.
Vom Kirschbaum sanken auf das Paar
Viel weiße Blütenblätter,
Und im Geäste saß ein Star,
Der sprach zu seinem Vetter:
»Es ist ein sehr bedenklich Ding,
Wenn sich ein goldner Fingerring
Begeben hat aufs Wandern
Von einer Hand zur andern.«