Lithauisches Brautlied

A. Fuchs

Der Winter kam: ich saß

Und mußte weben.

Jetzt, da es früher tagt,

Jetzt hab' ich abgesagt,

O Mutter, diesem arbeitsvollen Leben.

Es kommt die Rosenzeit:

Nun, Mutter, suche

Dir eine Spinnerin

Und eine Weberin

Zu deinem weiß und bunten Feiertuche.

Hab' ich nicht genug gewirkt?

Nicht genug gesponnen?

Ward ich nicht bleich und krank?

Webt' ich nicht Tage lang,

Ja bis zum Untergang der Abendsonnen?

Nein, Mütterchen, nun darf

Ich nicht mehr weben.

Ei, sieh doch meinen Mann!

Ihm muß ich nun fortan

Auf seinen Wink zu Scherz und Liebe leben.

Mich Arme dauern zwar

Die blonden Locken.

Sieh, wie der Wind mit spielt!

Ach, ihr habt ausgespielt.

Ihr lieben, feinen, ringelrunden Locken!

Auch du mußt nun herab,

Jungfräulich traute

Narcissenblum' im Kranz,

In meinem kleinen Kranz

Von Immergrün und unverwelkter Raute.

Ach, meinem losen Mann

Wirst du zum Raube!

Er kommt und hüllt mein Haar,

Das sonst dein Pflanzort war,

In eine weite, große, tiefe Haube.