Der fromme Hirt
A. Harder
An eines Bächleins Ufer stand
ein Bäumchen schlank und kraus.
Hier kohr am weichbemoosten Rand
ein Hirt sein Plätzchen aus.
Im Blattgesäusel mild und kühl
umweht' ihn süße Ruh',
Und freundlich nickt' im Wellenspiel
des Bäumchens Bild ihm zu.
Doch ach! Vom Hochgebirge quoll
des Waßers trübe Flut,
und auch im Tale braust' und schwoll
hoch auf des Bächleins Wut.
Das arme Bäumchen bebte sehr
und schwankte auf und ab;
Das Bächlein aber wild umher
dem Bäumchen wühlt' ein Grab.
Und als die Waßerflut verschwand,
da kam der Hirt heran,
Und ach! Sein armes Bäumchen fand
und blickt' es traurig an,
Und zog das Bäumchen sanft hinaus
und hob es rasch empor.
Da stand das Bäumchen schlank und kraus
und schattig wie zuvor.
Und horch! vom Bäumchen wundersam
erscholl ein süß Getön;
Das Bächlein strahlte -- sieh'! es kam
ein Jüngling wunderschön.
Er stieg empor aus heller Flut
und sprach mit sanftem Ton:
"Du warest liebevoll und gut;
dein Wunsch sei auch dein Lohn!"
"Nein," rief der fromme Hirt, "nicht Dank,
noch Lohn gebühret mir!
Sieh', unser Nachbar ist so krank;
für ihn, ach, fleh' ich dir!"
"Er soll genesen!" sagte da
des Engels holder Mund.
Da lief der Hirt, er kam und sah:
der Nachbar war gesund.