Mariannchens Spinnerlied

A. Harder

Rädchen, Rädchen, gehe, gehe,

Fädchen, Fädchen, drehe, drehe,

Dreh' dich, ohne still zu stehn.

Denn im Himmel und auf Erden

Kann kein Sonnenstäubchen werden

Ohne Gehn und ohne Drehn.

Wenn auf meinem Gartenbeete

Sonn' und Regen nicht sich drehte,

Ja, da geb's kein grün Gericht;

Wenn um meine Rasenstäte

Nie ein Frühlingslüftchen wehte,

Meine Rosen kämen nicht.

Ohne Drehn und Wirbeln klänge

Nicht ein Verschen, das man sänge,

Wär's auch noch so hübsch gemacht,

Und blieb Nachts, statt fortzudrehen,

Schnapp! -- einmal der Himmel stehen,

Nun da säs man in der Nacht.

Der Professor, unser Vetter,

Weiß doch wohl, was Wind und Wetter,

Sonne, Mond und Sterne sind,

Und der spricht, wir alle drehten

Uns mit Schlössern, Dörfern, Städtchen

Um die Sonne, wie ein Wind.

Nun von Schnee, und Wind, und Wetter,

Sonn' und Erde weiß der Vetter

Freilich manches mehr, als ich:

Aber daß man ohne Drehen

Nicht ein Tänzchen kann begehen,

Weiß ich selber sicherlich.

Huy, da muß man immer schweben,

Immer fliegen, immer weben,

Daß die Stäubchen drehn und wehn,

Recht nach Sang und Klang und Weise

Immer zirkeln rund im Kreise,

Und kein Augenblikchen stehn.

Drum, du Rädchen, gehe, gehe,

Und du Fädchen, drehe, drehe,

Dreh' dich, ohne stillzustehn:

Denn es wird kein Rosenkränzchen,

Und es wird kein Wintertänzchen

Ohne Gehn und ohne Drehn.