Stanzen
A. Harder
Wo bist du hin mit Deiner sanften Helle
Du Frühlingssonne meiner goldnen Zeit?
Verlassen steh' ich auf der öden Stelle,
Dem Wohnplatz früh entschwundner Seeligkeit;
Ist dies der Fels noch, dies die muntre Quelle,
Und dies des Waldes grüne Dunkelheit,
Wo in der Freundschaft zartem heil'gem Bunde
Mir seelig floh des Lebens Morgenstunde?
Bin ich gelöst schon von des Körpers Banden,
Ein Duftgebild, ein eitler Schatten nur?
Der unbefriedigt aus dem Grab' erstanden,
Nach Ruhe lechzend, sucht die theure Spur?
Was bin ich noch, da meine Freuden schwanden?
Was hält mich hier auf der verwaisten Flur?
Nur Liebe kann der Seele dasein geben;
Das Leben flieht mit des Geliebten Leben!
Es stirbt das Herz, wenn seine Theuern scheiden,
Im Schmerz versiegt das zärtlich heiße Blut.
So mußt' ich vielfach schon den Tod erleiden!
Mit meinen Freunden starb mein Jugendmuth.--
Und sollt' ich nicht die theure Gegend meiden,
Auf der für mich ein ew'ges Dunkel ruht?
Ich weiß, umsonst ist meiner Liebe Sehnen,
Und fühllos bleibt das Grab bei meinen Thränen.
Und doch ist's mir, als wohnt' ein heilig Leben
Auf dieser Stätte, wo ihr Fuß gewallt,
Wo von des Laubes deutungsvollem Beben,
Wo mir vom Quell der Laut der Sehnsucht hallt;
Ich seh' in Wolken, die vorüberschweben,
Noch oft der Freunde liebliche Gestalt,
Und glaub', in süß wehmüth'gem Wahn verloren,
Zurück zu zaubern die entschwundnen Horen.
Warum auch flieh'n vor meiner Sehnsucht Qualen?
Warum vermeiden der Erinnrung Schmerz?
Verloschen sind des Tages goldne Strahlen!
Nicht in die Brust mehr dringt der heitre Scherz.
Was blüht Dir noch in dieses Lebens Thalen?--
O gieb Dich hin, du armes, müdes Herz!
Es kann der Schmerz im Schmerze nur gesunden;
Sanft schließt der Tod des Herzens tiefste Wunden.