Frieden
A. Jensen
„Was fasst dich an, o Tochter mein?
Was drückt dich nieder, Kind?
Wie ist der Wangen Rosenschein
verblichen so geschwind?
Wo ist der Stimme froher Klang,
dein Lächeln und dein Mädchengang?
Erloschen ist der Blick so rein;
wo blieb der Friede dein?”
„Ach Mutter, krank bin ich und müd',
nicht weiß ich selbst, woher.
Komm, lass uns geh'n! Gewaltig zieht
mich's hin zum weiten Meer.
Wenn Abendwinde kühler weh'n,
wenn kräuselnd sich die Wellen dreh'n
und sanft verglüht der Abendschein,
dann kehrt der Friede mein.
Nein, Mutter, lass uns flieh'n geschwind,
denn jede Welle spricht,
wie Lieb' und Treu' nur gleicht dem Wind,
und, ach, mein Herze bricht!
O folge mir zum dunkeln Wald!
Wenn dort das Laub erzitternd hallt,
vom Himmel seh'n die Sterne klein,
dann kehrt der Friede mein.
O Mutter, fort aus Waldespracht!
Der Sterne Glanz erbleicht.
Hörst du den Seufzer durch die Nacht,
der, ach, dem seinen gleicht?
Komm, lass uns geh'n! Mein Auge glüht,
lass schlafen mich, ich bin so müd';
schlaf' ich an deinem Herzen ein,
dann kehrt der Friede mein.
Nein, Mutter! Küss' ich dir den Mund,
hör' deines Herzens Schlag,
so muss ich denken jener Stund',
da ich an seinem lag.
Wohin mein Fuß auf Erden eilt,
sein Bild in meinem Herzen weilt.
O sage mir, lieb' Mütterlein,
wenn kehrt der Friede mein?”
„Da oben klagt der Welle Mund,
die Töne schaurig zieh'n;
tief unten auf dem Meeresgrund
die stummen Blumen blüh'n.
Da oben seufzet Buch' und Lind',
tief unten schweiget Sturm und Wind;
deckt dich dereinst der kalte Stein,
dann kehrt der Friede dein!"