Liebe im Schnee

A. Jensen

Saßen zwei Liebende kosend

Auf spätherbstlichem Plan,

Hielten sich bei den Händen,

Blickten sich lächelnd an:

Sagten sich wonnige Dinge

Seligen Angesichts:

Daß es zu wintern beginne,

Davon merkten sie nichts.

Kam am Himmel gezogen

Grauende Wolkennacht:

Und es begannen die weichen

Flocken zu fallen sacht.

"Siehst du, geliebtes Leben,"

Sprach der Liebende traut,

"Wie von Blüten ein Regen

Duftig herniederthaut?"

Und es erstarrten die Felder,

Schneelast deckte sie dicht,

Deckte die Liebenden beide,

Aber sie merkten's nicht;

Hielten sich bei den Händen,

Und vergaßen der Zeit,

Saßen auf ödem Plane,

Wundersam verschneit.

Und von den fallenden Flocken

Wölbt' in umfangender Näh'

Über der Liebenden Häuptern

Sich ein Hügel von Schnee.

Unergründlich verloren

War den Menschen die Spur

Dieses glücklichen Paares

Auf der verschneiten Flur.

Wiederkehrte der Frühling,

Und es kamen im Wind

Hauche geweht, so lieblich,

Hauche, so süß und lind.

Woher kamen die Hauche?

Aus dem Hügel, erhöht

Über dem Liebespaare,

Kamen die Hauche geweht.

Und sie schmolzen den Hügel,

Schmolzen im Feld den Schnee,

Wehten weiter und weiter

Über den grünen See;

Streuten Gräser und Blumen

Bis ins tiefste Thal,

Weckten in allen Wäldern

Fröhlichen Liederschall.

Sieh, da saßen die Beiden

Auf dem enteis'ten Plan,

Hielten sich bei den Händen,

Blickten sich lächelnd an,

Sagten sich wonnige Dinge

Seligen Angesichts:

Daß es Winter gewesen,

Davon wußten sie nichts.