Der Invalide
Lortzing, Albert
Ein greiser Invalide
sass auf der Lagerstatt,
wundkrank an manchem Gliede
und flehte sterbensmatt:
"Noch einmal moecht'ich sehen
des grossen Kaisers Bild,
noch einmal vor ihm stehen
wie einst im Schachtgefild;
dann werd'ich ohne Grauen
voll Mut und Zuversicht
dem Tod in's Antlitz schauen,
bis mir das Auge bricht!"
Er sinkt zurück vor Schwäche,
sie tragen ihn zum Saal;
dort glaenzt des Bildes Fläche
im sanften Abendstrahl.
Sie hoben ihn vom Lager,
es stüzt ihn manche Hand;
so steht er bleich und hager
dem Kaiser zugewandt.
Da träumt der Invalide
sich in die Schlacht marschirt
und sich aufs neu im Gliede
vom Kaiser kommandiert.
Sein Herz ist kampfestrunken,
er ruft im Jubelton,
im Blicke Siegesfunken:
"Hoch! Hoch Napoleon!"
Und als er so gesprochen,
lallt er kein Wörtchen mehr,
sein Auge ist gebrochen,
sein Körper ist so schwer.
Auf dem entschlaf'nen Greise
spielt sanft das Abendrot;
rings sprechen alle leise:
"Ein schöner Heldentod!"