Der fromme Ritter
A. Meyer
Es reitet ein Ritter durch Nacht und Graus
nach seinem sicher'n Felsenhaus.
Des Weges ist er kundig gut,
gar manchen Tag er ihn reiten tut.
Über'n Gottesacker sein Ross ihn trägt,
und nimmer hat Furcht sein Herz bewegt.
Und wenn er über den Totenhof zieht,
da singt er leis' ein frommes Lied:
"Aus der Tiefe ruf' ich, Herr, zu dir,
gib Frieden allen, die schlummern hier." —
Und einstmals ängstlich der Ritter sprengt
rasch über den Friedhof, vom Feind bedrängt.
"Aus der Tiefe ruf' ich, Herr, zu dir!
Gib Schutz vor meinen Verfolgern mir!"
Da sind die Toten all' erwacht,
da steigt's empor aus der Gräber Nacht.
Die Toten schwingen wild die Wehr,
und Schrecken bannt der Verfolger Heer.
Sie sind vom starren Entsetzen stumm,
sie wenden zur schnellsten Flucht sich um.
Die Toten hielten dem Ritter zu,
der oft gebetet für ihre Ruh'.
Der fromme Ritter durch Nacht und Graus
kam sicher nach seinem Felsenhaus.