Nachtigallenlied

A. Rosetti

Heut morgen als ich lauschend schlich

Durch Busch und Blüthen-Thau,

Sah Sonnenstrahl so wonniglich

Verweht mit Himmelsblau;

Da hört ich Nachtigallenlied:

Beym Nest des Männchen saß;

Das Weibchen drinnen und durchglüht,

Es hieß ohn Unterlaß.

,, Sitz Weibchen, sitz; das Männchen sang;

Sitz Weibchen, hold und gut,

Geduldig wen'ge Tage lang,

Und wärme uns Brut.

,, Ein treues Weib ist hoher Werth

Thut Mann und Kinder wohl;

Und Mann und Kind sie liebt und ehrt,

Wohl Gang ist Heiles voll.

,, Und jeder Tag bringt Freude ihr,

Und munter stießt ihr Blut:

Sitz Liebchen, sitz, ich singe dir,

Und füttre unsre Brut.

,, Dem Weibchen bin ich hold und treu;

Mag andre Liebe nicht;

Weil liebevoll, mir täglich neu,

Ihr Herz im Auge spricht.

,, Sitz Weibchen hier im Blüthenstrauch

Mit heißer Mutterglut.

Ich bring dir Würmchen, sing' dir auch;

Bald lohnt dich junge Brut.`` --

Mir Lauschern war so wohl zu Muth!

So wohl im Herz und Sinn! --

O Betty, nimm mein wallend Blut

Zum Angebinde hin.