Das begrabene Lied

Rubinstein, Anton

I

Hell schimmert das alte Königsschloss

Im frühen Morgenrothe.

Es steigt ein Edelknecht zu Ross,

Muss reiten als Königsbote.

Und als er aus dem Burgthor ritt

Und über die hallende Brücke,

Da hemmte er des Rosses Tritt

Und wandte den Kopf zurücke.

Was flatterte im Morgenlicht

Von eines Thurmes Zinnen?

Ein schwebender Vogel war es nicht,

Ein Tüchlein war's von Linnen.

Mit blanker Helleparte stund

Der alte Wächter am Zwinger

Und legte auf den bärtigen Mund

Bedeutsam seinen Finger.

II

Hei, lustiger Ritt durch's Waldgeheg!

Die Vögel flattern und singen,

Und über die Büsche und über den Weg

Die fleckigen Hirsche springen.

Es schäumt und rauscht der Waldesborn,

Es spielt der Wind in den Blättern;

Der Reiter nimmt sein Helfanthorn

Und lässt es lustig schmettern.

"Halli, hallo! der Wald steht grün,

Wird schöner mit jedem Morgen.

Spring auf mein Herz, lass fröhlich blüh'n,

Was tief darin verborgen,

Es steigt der Königsadler hoch

Bis über die eisigen Firnen,

Doch heimliche Minne steigt höher noch

Und kost mit des Himmels Gestirnen.

Mir ist's, als hört' ich fort und fort

Mich Engelflügel umrauschen,

Nicht um den Nibelungenhort

Möcht' ich mein Glücke tauschen.

Ich habe geküsst zu trauter Stund

Die junge Königinne

Getrunken hab' ich von ihrem Mund

Den seligen Trank der Minne."

III

Ein stolzer Jäger thät zur Stund

Im grünen Eichwald streifen,

Er trug an seines Helmes Rund

Den goldenen Zackenreifen.

Er sah den jungen Edelknecht

Und hörte die jubelnde Stimme,

Den Jagdspiess fasste er wurfgerecht

Und spornte sein Ross im Grimme.

Halt ein mit deinem Schallgesang,

Befiehl dem Herrn deine Seele!

Des Königs scharfe Waffe drang

Dem Sänger durch die Kehle.

Er sank vom Ross in Todesweh

Und krümmte den Leib, den schlanken;

Die Blumen und der grüne Klee

Sein heisses Herzblut tranken.

Der König zog sein Jagdgeschoss

Dem Todten aus der Wunde,

Er lenkte heim sein schwarzes Ross

Und sprach mit höhnischem Munde:

"Das heisse Herz ist still und kalt,

Es werden die Geier und Raben,

Die Wölfe und Fuchse im wilden Wald

Dich und dein Lied begraben."

IV

Der Todte starrte in's Sonnenlicht;

Rothkehlchen kam geflogen,

Das hat das bleiche Angesicht

Mit Blumen überzogen.

Die Bäume schüttelten Zweig und Ast,

Als fühlten sie Erbarmen

Und unter einer Blätterlast

Begruben sie den Armen.

Ein Zitterbäumlein keimte auf,

Beschattete den Hügel,

Ein weisser Vogel sass darauf

Und schwang die schimmernden Flügel.

Und aus des Vogels Kehle quoll

Ein Lied von süssem Schalle,

Von seiner Glockenstimme scholl

Des Waldes weite Halle.

Was sang der Vogel fort und fort?

Er sang von einem Knaben,

Der fiel im Wald durch Meuchelmord

Und liegt im Wald begraben.

Er hat geküsst zu trauter Stund

Die junge Königinne,

Getrunken hat er von ihrem Mund

Den seligen Trank der Minne.

V

Es schritt im grünen Waldesraum

Ein Spielmann mit der Laute,

Wollt' rasten unter dem Zitterbaum

Im grünen Farrenkraute.

Sein süsses Klagelied begann

Der Vogel in den Zweigen,

Der Spielmann hielt den Athem an,

Es wurde das Lied sein eigen.

Der Singer aus dem Eichwald schied,

Thät rüstig fürder schreiten,

Er trug in's Land hinaus das Lied

Und sang's zum Spiel der Saiten.

Da horchten auf im Wiesenland

Die sensenschwingenden Männer,

Die Hirten an des Waldes Rand,

Beim Meiler die Kohlenbrenner.

Er sang's den Bauern hinter'm Pflug,

Den Fischern auf den Wellen,

Es stimmten ein bei'm vollen Krug

Die wandernden Gesellen.

Er sang das Lied den Dirnen vor

Am Abend bei der Linde,

Er sang es unter dem Bogenthor

Dem lauschenden Burggesinde.

VI

Es hob der König sich vom Mahl

Und trat zum Fensterbogen,

Da kam herauf zum Königssaal

Ein Schallgesang geflogen:

Ich habe geküsst zu trauter Stund

Die junge Königinne,

Getrunken hab' ich von ihrem Mund

Den seligen Trank der Minne.

Und lauter und heller zum Saal herauf

Die mächtigen Töne schollen.

Der König fasste des Schwertes Knauf,

Und seine Adern schwollen.

Sein Auge dunkle Nacht umfing,

Bleich thät der Tod ihn färben,

Der König starb, sein Reich verging. --

Ein Lied kann nie ersterben.