Die Wanderschwalbe
Rubinstein, Anton
Wanderschwalbe, liebe, kleine,
die du nistest am Balkone,
singst des Morgens ganz alleine
dort ein Lied mit trübem Tone.
Fragst du mich, warum ich weine,
Wanderschwalbe, liebe, kleine?
Hat dein Gatte dich verlassen,
ging er fort von deinem Herzen,
zog er weiter seine Straßen,
und du bliebst zurück mit Schmerzen?
Klage, klage wie ich weine,
Wanderschwalbe, liebe, kleine!
O, wie bin ich zu beklagen;
du kannst schweben in die Lüfte,
wo dich deine Flügel tragen,
über Berge, über Klüfte,
über Seen, über Haine,
Wanderschwalbe, liebe, kleine!
Könnt' ich Arme dich begleiten!
Kann ja nur in dunkler Kammer
meine Klage laut verbreiten,
Ausdruck geben meinem Jammer.
Während ich hier unten weile,
ziehst du weiter, liebe, kleine.
Der Sommer wird entschwinden,
und wir werden scheiden müssen.
And're Heimat wirst du finden,
and're Leute wirst du grüßen,
doch mich Arme grüßet keine
von den Schwalben, auch nicht eine!
Leb wohl! Nur noch ein Mal singe,
sing' mir deine lieben Lieder,
und der nächste Frühling bringe
dich und deine Klänge wieder.
Hör' ich dich, so muss ich weinen
beim Gesange meiner Kleinen.
Eine Blume wirst du blicken,
kehrst du einst auf stillem Grabe,
und dir sagt ihr stummes Nicken,
dass ich dich erwartet habe.
Sing' mir dort im Mondenscheine,
sing' mir Frieden, Liebe, Kleine!