Hundert Semester
A. Schlieben
Als ich schlummerte heut' Nacht,
Lockten süße Träume,
Schimmernd in der Jugend Pracht,
Mich in ferne Räume.
Krasses Füchslein, sah ich schlank
In der Kneipe wieder,
Und in vollem Chore klang
Laut das Lied der Lieder:
Gaudeamus igitur,
Juvenes dum sumus!
Post jucundam juventutem,
Post molestam senectutem
Nos habebit humus.
Tabakswolkenduft umkreist,
Bläulich, Rheinweinbecher:
Desto heller flammt der Geist
In dem Haupt der Zecher.
Füchslein fühlt im Weltenrund
Sich der Schöpfung Krone;
Und er singt mit keckem Mund,
Und mit keckem Tone:
Ubi sunt, qui ante nos
In mundo fuere?
Abeas ad superos,
Transeas ad inferos,
Ubi? -- jam fuere.
Jäh erwacht' ich. -- Glockenklar
Tönt mir's in den Ohren;
Heut sind's runde siebzig Jahr,
Seit du wardst geboren.
Heut schon liegen hinter dir
Der Semester hundert! --
Hell rieb ich die Augen mir,
Summte still verwundert:
Vita nostra brevis est,
Brevi finietur.
Venit mors velociter,
Rapit nos atrociter
Nemini parcetur.
Schnell vom Lager sprang ich auf,
Rief: Mir hat das Leben
Viel in seinem kurzen Lauf,
Leid und Lust, gegeben.
Sei vergessen, was gedrückt
Mich mit Sorg' und Plage,
Heut ein Hoch! dem, was beglückt
Meine jungen Tage:
Vivat academia,
Vivant professores!
Vivat membrum quodlibet,
Vivant membra quælibet,
Semper sint in flore!
Goldne Burschenzeit entflog
Schnell -- daß Gott erbarme! --
Ledern Philisterium zog
Mich in dürre Arme.
Doch philistern lernt' ich nicht,
Hoch, auf goldnen Schwingen,
Trug' mich Lieb' zum Himmelslicht,
Jubelnd durft' ich singen:
Vivant omnes virgines,
Graciles, formosæ!
Vivant et mulieres,
Tenerae, amabiles,
Bonæ, laboriosæ!
Weib und Kinder an der Hand,
Freut' ich mich des Lebens;
Nützlich sein dem Vaterland,
Ward das Ziel des Strebens.
Konnte sich's zum Paradies
Auch nicht ganz gestalten,
Treue, die ich ihm erwies,
Hat's mir doch gehalten.
Vivat et respublica
Et qui illam regit!
Vivat nostra civitas,
Mæcenatum caritas
Vivat, quæ nos tegit!
Im latein'schen Liede sang
Heut ich alter Knabe
Meines Lebens ganzen Gang
Von der Wieg' zum Grabe.
Komme, wann du willst, Freund Hain,
Mich zur Ruh' zu bringen;
Doch wie einst als Füchselein,
Will der Greis noch singen:
Pereat tristitia,
Pereant osores,
Pereat diabolus,
Quivis antiburschius
Atque irrisores!