Notturno

A. Schnabel

So müd hin schwand es in die Nacht,

sein flehendes Lied, sein Bogenstrich,

und seufzend bin ich aufgewacht.

Wie hat er mich so klargemacht,

so sanft und klar,

der Traum -- und war

doch bis ins Trübste feierlich.

Hoch hing der Mond; das Schneegefild

lag bleich und öde um uns her,

wie meine Seele grauenschwer,

Denn neben mir, so starr und wild,

so starr und kalt wie meine Not,

von mir gerufen voll Begehr

Saß starr und wartete der Tod.

Da kam es her wie einst so mild,

so müd' und sacht

aus ferner Nacht,

so kummerschwer

kam einer Geige Hauch daher,

kam dämmernd her des Freundes Bild.

Der mich umflochten wie ein Band,

daß meine Jugend nicht zerfiel,

und daß mein Herz die Sehnsucht fand,

die große Sehnsucht ohne Ziel:

da stand er nun im öden Land

ein Schatten trüb und feierlich

und sah nicht auf noch grüßte mich,

Nur seine Töne ließ er irr'n

und weinen durch die kalte Flur;

und mir entgegen starrte nur

aus seiner Stirn,

als wär's ein Auge hohl und fahl,

der tiefen Wunde dunkles Mal.

Und trüber quoll das trübe Lied

und quoll so heiß, und wuchs, und schwoll,

so heiß und voll

wie Leben, das nach Liebe glüht,

wie Liebe, die nach Leben schreit,

nach ungenossner Seligkeit,

so wehevoll,

so wühlend quoll

das strömende Lied und flutete;

und leise, leise blutete und strömte mit

in's öde Schneefeld rot und fahl

der tiefen Wunde dunkles Mal.

Und müder glitt die müde Hand,

und vor mir stand

ein bleicher Tag,

ein ferner, bleicher Jugendtag,

Da starr im Sand

er selber ein Zerfallner lag,

da seine Sehnsucht sich vergaß,

in ihrer Schwermut Übermaß

und ihrer Traurigkeiten müd

zum Ziele schritt;

und laut aufschrie das weinende Lied,

wie Todesschrei, und flutete,

und seiner Saiten Klage schnitt,

und seine Stirne blutete

und weinte mit

in meine starre Seelennot,

als sollt' ich hören ein Gebot,

als müßt ich jubeln, daß ich litt,

als möcht er fühlen, was ich litt

mitfühlen alles Leidens Schuld

und alles Lebens warme Huld --

und weinend, blutend wandt' er sich

ins bleiche Dunkel und verblich.

Und bebend hört' ich mir entgehn,

entfliehn sein Lied. Und wie es zart

und zarter ward,

der langen Töne fernes Flehn,

da fühlt' ich kalt ein Rauschen wehn

Und grauenschwer

die Luft sich rühren um mich her,

und wollte bebend nun ihn sehn,

ihn lauschen sehn,

der wartend saß bei meiner Not,

und wandte mich --: da lag es kahl,

das bleiche Feld, und fern und fahl

entwich ins Dunkel auch der Tod.

Hoch hing der Mond, und mild und müd

hin schwand es in die leere Nacht,

das flehende Lied,

und schwand und schied,

des toten Freundes flehendes Lied;

und dankbar bin ich aufgewacht.