Die Sprachschülerin

A. Scholl

Komm, sprach das Mädchen, setze dich,

Und nimm mich in die Lehre,

Verhöre deine Schülerin,

Da hast du die Grammäre.

Gut, sprach ich, liebe Schülerin,

Allein mir fehlt ein Rüthchen;

Wenn du den Lehrer zornig machst,

Wie kühlt er sich das Müthchen?

Er soll, sprach sie, für jedes Wort

Mich an dem Näschen zupfen,

Und wenn er härter strafen will,

Mich an dem Härchen rupfen.

Wie? sprach ich, sollen für den Mund

Die armen Härchen büßen?

Für jedes Wort, das du nicht weißt,

Sollst du mich einmal küssen.

Sie lächelt', und ihr Lächeln schien

Nicht ja, nicht nein zu sagen;

Ich aber ließ das Lächeln seyn,

Und hub sie an zu fragen.

Und alle Wörtchen fragt' ich sie,

Die mir die schwersten schienen;

Allein verloren war die Müh,

Und nichts war zu verdienen.

Es war alsob ein böser Geist

Ihr jedes Wörtchen sagte,

Denn gleich war ihre Antwort da,

Noch eh ich recht sie fragte.

Bis endlich Amor meiner sich

Erbarmt', und ich erstaunte,

Als er drei leichte Wörtchen nur

Mir in die Ohren raunte.

Ich frug: Was heißt? Ich liebe dich!

Das wollte sie nicht wissen,

Da mußte sie mir jedes Wort

Mit einem Kusse büßen.