Der Seelchenbaum

A. Teichmüller

Weit draußen, einsam in ödem Raum

Steht ein uralter Weidenbaum

Noch aus den Heidenzeiten wohl,

Verknorrt und verrunzelt, gespalten und hohl.

Keiner schneidet ihn, keiner wagt

Vorüberzugehn, wenns nicht mehr tagt,

Kein Vogel singt ihm im dürren Geäst,

Raschelnd nur spukt drin der Ost und West,

Doch wenn am Abend die Schatten düstern,

Hörst dus wie Sumsen darin und Flüstern.

Und nahst du der Weide um Mitternacht,

Du siehst sie von grauen Kindlein bewacht:

Auf allen Ästen hocken sie dicht,

Lispeln und wispeln und rühren sich nicht.

Das sind die Seelchen, die weit und breit

Sterben gemußt, eh die Tauf sie geweiht:

Im Särglein liegt die kleine Leich,

Nicht darf das Seelchen ins Himmelreich.

Und immer neue - siehst es du? -

In leisem Fluge huschen dazu.

Da sitzen sie nun das ganze Jahr,

Wie eine verschlafene Käuzchenschar.

Doch Weihnachts, wenn der Schnee rings liegt

Und über die Länder das Christkind fliegt,

Dann regt sichs, pludert sichs, plaudert, lacht,

Ei, sind unsre Käuzlein da aufgewacht!

Sie lugen aus, wer sieht was, wer?

Ja freilich kommt das Christkind her!

Mit seinem helllichten Himmelsschein

Fliegts mitten zwischen sie hinein:

"Ihr kleines Volk, nun bin ich da -

Glaubt ihr an mich?" Sie rufen: "Ja!"

Da nickts mit seinem lieben Gesicht

Und herzt die Armen und ziert sich nicht.

Dann klatschts in die Hände, schlingt den Arm

Ums nächste - aufwärts schwirrt der Schwarm

Ihm nach und hoch ob Wald und Wies'

Ganz graden Weges ins Paradies.