Der Bursch und sein Liebchen

A. Walter

Es zieht ein Bursch aus der Fremde nach Haus,

da schleicht er sich Nachts vor Liebchens Haus.

Er hat die Laute wohl unter dem Arm:

"Du ruhst, mein Mädchen, ohn' Sorg und Harm,

ich will die grüssen mit Leyerklang,

ich will die wecken mit Liebessang."

Und droben im Stübchen, eng und rein,

da liegt sein Mädchen im Fieberpein,

die Mutter lauscht an der wange so heiss:

da tönen Klänge so leis', so leis',

da weht aus der Stille ein süsses Lied,

wie der Schwan, der sterbend zur Heimath zieht.

"Horch, horch, o Mutter, es ist sein Ton,

es ist seine Stimme, ich kenne sie schon;

er ruft mich, er lockt mich, er winket mir,

ich komme, ich eile, ich fliege zu dir."

"Mein Kind, die Strasse ist öd' und leer,

er ist ja so ferne, du träumest schwer."

"Und hörst du nicht, Mutter, die Melodien,

die Sprache der Lieb' ohne Worte?

und hörst du's nicht tönen und steigen und zieh'n

in schwellendem, süssen Akkorde?

Wie fühl ich mich leicht, wie fühl ich mich wohl,

von himmlischen Schwingen gehoben,

leb' wohl, o Mutter, leb' ewig wohl,

ich zeih' mit den Tönen nach oben."