Die Toten Augen
Albert, Eugen d'
SYSTEMVORSPIEL
Die Bühne stellt eine hügelige, helle Landschaft dar; felsig, hie und da Gras.
Der Hügel geht rechts hinten weiter hinauf. Weiter Horizont.
Links Schafherde, kleine Schäferhütte, davor drei aneinandergestellte Gabelstücke, von denen ein Topf herabhängt. Darunter Holzkohlen, noch nicht angebrannt.
Es ist Abend. Der Hirt steht etwas hinten, schaut ins Land hinaus.
hinter der Szene
DER SCHNITTERWir schnitten die Halme
DER SCHNITTERUnd lasen die Ähren
DER SCHNITTERUnd banden die Garben -
DER SCHNITTERDurch den heissen, den langen Sommertag.
DER SCHNITTERWir schritten und schnitten,
DER SCHNITTERWir mühten uns, knieten,
DER SCHNITTERWir lasen und banden
DER SCHNITTERDurch den langen, den bangen Sommertag.
DER HIRTDie Schnitter ziehen heim.
Er kommt nach vorne, geht zur Feuerstelle, mit der er sich beschäftigt.
hinter der Szene
DER SCHNITTERWir rechten die Steine
DER SCHNITTERUnd klopften die Sicheln
DER SCHNITTERUnd schwangen die Sensen -
DER SCHNITTERDurch den heissen, den langen Sommertag.
DER SCHNITTERUnd müder die Glieder,
DER SCHNITTERDen Rücken vom Bücken
DER SCHNITTERGebeugt, ziehen heim wir
DER SCHNITTERNach dem langen, dem bangen Sommertag.
DER HIRTDer Abend fällt - zum Dorfe zieht der Mäher Schar.
DER HIRTDie Hürde öffne ich für meiner Herde Ruh.
Er tut es.
DER HIRTBald bringt die Schäflein her der Hirtenknab.
DER HIRTVon hinten links kommt ein Schnitter.
DER SCHNITTERGruss dir, Hirte!
DER HIRTWillkommen! Willst du rasten bei mir?
DER HIRTGleich flammen die Scheite!
setzt sich zu dem Hirten
DER SCHNITTERIch danke dir -
mit dem Feuer beschäftigt
DER HIRTWas fehlt dir, emsiger Mäher, dass du zurückbleibst?
DER HIRTNicht heim ziehst zum Dorf mit den Freunden?
seufzt
DER SCHNITTERKummer und Sehnsucht - -
DER HIRTKummer?
DER SCHNITTERTraf dich nie ein Verlangen nach einem, das entfernt war?
DER HIRTNie! Zufrieden bin ich mit meiner Herde! -
DER HIRTWas kümmert mich Fremdes?
DER SCHNITTERTraf es dich nie - unruhig die Nacht vor Liebe zu wachen?
DER HIRTNie! Fern von den Menschen verbring ich meine Tage,
DER HIRTwenig weiss ich von ihrem Sehnen und Trachten! -
DER HIRTBleibe, Freund, wenn dein Herz sich quält - hier findest du Frieden!
Er nimmt seine Flöte und präludiert. Dann singt er:
DER HIRTDie Sonne sinkt - -
DER HIRTHeimwärts zieht meine Herde.
DER HIRTLämmlein und Böcklein zur Hürde dringt,
DER HIRTIm Schlummer wiegt sich die alte Erde.
DER HIRTZiehen zum Morgen wir aus auf die Weide,
DER HIRTDa bellt mein Hündelein stolz.
DER HIRTSchäflein trottet in wollenem Kleide
DER HIRTÜber die Hügel, über die Heide
DER HIRTLockt meine Flöte aus Holz.
DER HIRTZiehen wir heimwärts über die Raine
DER HIRTDa bellt mein Hündelein stolz.
DER HIRTSchäflein trottet im Abendscheine
DER HIRTDass in der Hürde die Herde sich eine,
DER HIRTLockt meine Flöte aus Holz.
DER HIRTDie Sonne sinkt - -
DER HIRTHeimwärts zieht meine Herde.
DER HIRTLämmlein und Böcklein zur Hürde dringt,
DER HIRTIm Schlummer wiegt sich die alte Erde.
DER SCHNITTERGlücklich bist du, mein Freund!
DER SCHNITTERWie neid ich dir deiner Seele Frieden!
Von hinten rechts, die Hügel hinab kommt der Hirtenknabe mit der Herde, um die Schafe herum läuft der Schäferhund.
steht auf, geht der Herde entgegen
DER HIRTDa, sieh nur die prächtige Schar!
DER HIRTSieh meinen Widder, sehnig und stark, zieht er voran!
DER HIRTLeitet sein Volk! - Sieh meine Schafe,
DER HIRTwie sie schwer in der Wolle schreiten!
DER HIRTSieh meine Lämmlein, die sich zärtlich an ihre Mutter drängen!
DER HIRTSieh da! - Wie das Böcklein springt!
DER SCHNITTERSchön ist deine Herdel
zum Hirtenknaben
DER HIRTWarst du am Bach? Hast du die Tiere getränkt?
DER HIRTENKNABEJa - sie tranken genug.
die Herde geht hinüber zu der Hürde links, begleitet von dem Schäferhund.
DER HIRTSo komm, Knabe, setz dich zum Mahl!
Er geht zurück zum Feuer, setzt sich.
bleibt stehen, rührt sich nicht
zum Schnitter
DER HIRTHier, Freund, greif zu! -
Da der Hirtenknabe nicht kommt, zu diesem
DER HIRT- Nun, was zögerst du noch?
ängstlich
DER HIRTENKNABEIch - ich - -
DER HIRTNun, was ist es? Komm her!
kommt näher
DER HIRTENKNABEDort oben, Schäfer - -
Er stockt
DER HIRTSo sprich doch, Knabe!
DER HIRTENKNABEIch - - ich -
er fasst sich ein Herz
DER HIRTENKNABEEin Lämmlein fehlt!
springt auf
DER HIRTFehlt? Fehlt? - - Ist es tot?
DER HIRTENKNABEIch weiss nicht. - Das kleinste war es, du kecke -
DER HIRTENKNABEwie Schlehdorn so weiss - -
DER HIRTUnd was geschah?
ganz verängstigt
DER HIRTENKNABEIch weiss nicht. -
DER HIRTENKNABENoch zum Mittag sah ich es, dicht bei der Mutter -
DER HIRTENKNABEdoch wie ich sie zählte, am Bache - am Abend -
DER HIRTENKNABEda war es fort - -
DER HIRTSchlechter Knabe! Was suchtest du nicht?
DER HIRTENKNABEIch hab es gesucht! Ich hab es gesucht! -
DER HIRTENKNABEÜberall hab ich gesucht! - Doch ich fand es nicht!
Er schluchzt.
wendet sich ab
DER HIRTMein Lämpchen! Mein kleines Lämmchen!
DER SCHNITTEREin kleines Lämpchen! Was klagst du, Hirte?
DER SCHNITTERHast doch so viele!
DER HIRTViele andere - doch dieses eine nicht!
Er setzt sich, stützt den Kopf in die Hände.
DER SCHNITTERKomm, setz dich und iss! Es wird sich schon finden!
DER HIRTIch mag nicht essen.
DER SCHNITTERZwei Suse gilt's im Kauf! - Hier Freund, ich zahl sie dir.
DER HIRTEs ist mir nicht ums Geld! Behalt dein Geld.
DER HIRTMein Lämmchen irrt in dunkler Nacht unmher
DER HIRTund schreit und schreit.
DER HIRTNach seiner Mutter schreit's,
DER HIRTund schreit nach mir in grosser Angst!
DER HIRTVielleicht reisst es der Wolf -
DER HIRTvielleicht schlingt es der Abgrund ein.
DER HIRTMein Lämmchen, mein armes Lämmchen!
DER SCHNITTERHirt, Hirt! -
DER SCHNITTERBegreifst du meinen Kummer nun und meine Sehnsucht?
DER HIRTSehnsucht?
DER SCHNITTERIch fragte: "Traf nie dich ein Verlangen nach einem, das entfernt war?" -
DER SCHNITTERDu sagtest: "Nein!"
still
DER HIRTIch - sagte - "nein" - - -
DER SCHNITTERNun, Hirt!
spring auf, zum Hirtenknaben
DER HIRTMein Mantel! - - Mein Stab! - -
Der Knabe reicht die Sachen.
DER SCHNITTERWas willst du tun?
DER HIRTDas Schäflein suchen!
DER SCHNITTERJetzt - zur Nacht?
DER HIRTJetzt!
DER SCHNITTERSäume doch! Iss dein Mahl!
DER HIRTNein! - - - - Nein!
Er rafft seinen Mantel, fasst den Hirtenstab fest
DER HIRTGestern noch kannt ich es kaum,
DER HIRTEin Lämmlein gleicht ja dem andern!
DER HIRTNun irrt es einsam in weitem Raum.
DER HIRTDa muss ich wandern.
DER HIRTVom Lämmlein singt mir der Wind;
DER HIRTÜberall, was ich auch tue,
DER HIRTDenk ich an mein verlorenes Kind.
DER HIRTWo fand ich Ruhe?
DER HIRTÜber Fels und über Stein
DER HIRTFolg ich der Spur des verirrten,
DER HIRTDas ängstlich mit wehem Jammerschrein
DER HIRTSucht seinen Hirten.
DER HIRTWenn's Vöglein vom Neste fällt,
DER HIRTBringt ihm die Alte das Futter -
DER HIRTFür meine Schäfchen bin ich bestellt,
DER HIRTAls ihre Mutter!
während des Liedes ist der Hirt höher und höher gestiegen,
dazwischen klingt seine lockende Flöte.
Er steigt dann in die Felsen, seine Stimme verklingt:
DER HIRTFür meine Schäfchen bin ich bestellt
DER HIRTAls ihre Mutter.
Man hört noch des Hirten Flöte.
Vorne stehen Schnitter und Hirtenknabe, ihm nachsehend.
SYSTEMHANDLUNG
Die Szene zeigt einen Platz mit einem Brunnen, vor einem römischen Landhause ausserhalb Jerusalems; Ölbäume, einige Palmen. Im Hintergrunde die Zinnen Jerusalems.
Zeit: Palmsonntag; die Handlung beginnt bei Sonnenaufgang, endet bei Sonnenuntergang.
ARCESIUSÄusserlich sehr hässlich, hinkend, da ein Bein zu kurz. Eine Schulter ein wenig zu hoch, unansehnlich, hässlich im Gesicht, bartlos, schwarzhaarig. Innerlich gut, edel, voll heisser Liebe zu Myrtocle. Hochgebildet, leidenschaftlich heiss im Temperament.
MYRTOCLEGriechin aus Korinth, braunlockig, zart, wunderschön. Sie ist blind. Zärtlich, sanft, aber auch wieder zu. tragischer Grösse fähig.
AURELIUS GALBACenturio, wie Arcesius ein Aristokrat. Jung, sehr wohlgewachsen, strahlend; er leidet unter seiner stillen Liebe zu Myrtocle.
ARSINOEInselgriechin. Hübsch, lebhaft. Im Verhältnis zu Myrtocle ebensosehr Freundin wie Dienerin.
ARSINOEMaria von Magdala
ARSINOEDie grosse reuige Sünderin. In blauem Gewande, goldblonden Locken, wie auf dem Bilde des Rubens. Sie ist aus besserem Hause, war reich usw.; sie hebt sich in allem aus dem jüdischen Volke heraus. Ihre Liebe zu Jesus ist überaus warm und glühend.
KTESIPHARWunderarzt, ägyptische Physiognomie, schwarzer Spitzbart, rasierter Schädel. Skurrile Erscheinung, halb komisch, halb grausig.
KTESIPHARDie jüdischen Frauen:
KTESIPHARRebekka
KTESIPHARJunge Frau, gut gewachsen, hübsch; oberflächlich leicht, skeptisch.:
KTESIPHARRuth
KTESIPHARSehr alt, gütig; sie ist sich ihrer Autorität bewusst.
KTESIPHARSarah
KTESIPHARJunges Mädchen, gläubig.
KTESIPHAREsther
KTESIPHARFrau in mittlerem Alter, gläubig.
Morgendämmerung. Die jüdischen Frauen kommen zum Brunnen. Rebekka, Esther, Sarah.
Sie tragen Krüge, lassen den Eimer herab, holen Wasser.
SARAHHeut ist der Tag - -
REBEKKAWelcher Tag?
SARAHDer langersehnte!
lachend
REBEKKAAch was! Wie alle andern wird er sein!
SARAHWeisst du denn nicht, was uns verkündet ward?
ESTHEREinziehen wird der Prophet in seine Stadt!
SARAHPalmen wird man ihm streuen!
REBEKKAUnd alles wird sein wie es vorher war.
SARAHNein! Nein! Er wird uns erlösen!
ESTHERBefreien! - der Heiland!
SARAHAuf ihn wartet das Volk. Viele Wunder tat er.
REBEKKAWunder? Wer hat sie gesehn?
ESTHERJedermann - draussen im Lande!
höhnisch
REBEKKABah - Leute aus Galiläa!
SARAHEr ist uns geweissagt.
SARAHGlaubst du nicht, Rebekka, an der Propheten Wort?
REBEKKAGlauben? Isaschar, mein Mann, lacht darüber!
REBEKKAWann half uns je ein Prophet aus unserem Elend?
ESTHERDer Mann aus Nazareth tut es!
ESTHERTote erweckt er zum Leben!
lachend
REBEKKATote?
RUTHkommt zum Brunnen
auf sie zu
SARAHO Ruth, du bist alt und weisst vieles!
SARAHSag der Ungläubigen, dass Jesus einem Toten das Leben gab!
RUTHWahr ist's. Lazarus hiess der Mann!
RUTHJesus von Nazareth berührte seine Stirne,
RUTHda stand er auf vom Totenbett.
REBEKKAWar Lazarus reich, glücklich, froh?
RUTHNein, er war elend und arm, krank und gebeugt.
REBEKKAWenn es so war - warum ihn aufwecken zu des Lebens Qual?
RUTHLästre nicht, Rebekka! - Gottes Ratschluss war es,
RUTHder seine Kraft dem Propheten lieh.
Arsinoe kommt aus dem römischen Hause, eine Amphora auf der Schulter.
Die jüdischen Frauen ziehen sieh ein wenig zurück, nur die alte Ruth bleibt dicht am Brunnen.
SARAHDie Sklavin der Griechin -
freundlich auf die alte Ruth zu, ist ihr behilflich, den Eimer hochzuziehen
ARSINOEGuten Morgen, alte Ruth, ich will dir helfen.
RUTHDank dir, Griechin. - Wie geht es deiner schönen Herrin?
ARSINOESchön ist Myrtocle, mächtig und reich,
ARSINOEund ist geliebt von dem besten Gatten.
ARSINOEUnd doch ist sie traurig in ewiger Blindheit!
SARAHO wie viele Frauen möchten mit der schönen Griechin tauschen!
ARSINOEWas nützt alle Schönheit, wenn nicht ein Spiegel sie zurückwirft?
ARSINOEWas nützt es, geliebt zu werden,
ARSINOEwenn man es nicht lesen kann aus des Geliebten Augen?
lachend
REBEKKAEin schöner Geliebter, der Griechin Gatte!
SARAHMit schiefer Schulter -
ESTHERHinkend und krumm!
Sie gehen langsam mit ihren Krügen ab.
zu Ruth, fortfahrend
ARSINOEWie oft fleht die Herrin zu den Göttern,
ARSINOEaber sie liessen sie in ewiger Dunkelheit.
fasst Arsinoe an der Schulter, geheimnisvoll
RUTHEure Götter! Aber ich sage dir, Kind:
RUTHHeute wird einer einziehen in Jerusalem,
RUTHder macht gehend die Lahmen und die Blinden sehend!
aufhorchend
ARSINOEDie Blinden sehend?
RUTHUnd gehend die Lahmen!
RUTHHeut erwartet ihn das Volk in seiner Stadt.
RUTHHosianna werden sie rufen, dem Sohne Davids.
ARSINOEWie heisst er?
RUTHJesus aus Nazareth.
ARSINOEJesus - was ist das für ein Mann? Ist er ein Arzt?
wendet sich zum Gehen
RUTHEr ist ein Mensch, der Mitleid hat mit andern Menschen.
nimmt ihre gefüllte Amphora auf die Schulter
ARSINOEJesus aus Nazareth - der Mitleid hat -
ARSINOEder die Blinden sehend macht -
ARSINOE- ich will es der Herrin sagen.
Sie geht zurück in das Haus.
Die Sonne ist inzwischen höher gestiegen, die Dämmerung gewichen.
Auf dem Peristyl erscheinen, während Arsinoe abgeht,
Arcesius und Myrtocle zwischen den Säulen.
Arcesius führt die Blinde mit liebender Sorgfalt zur Treppe.
MYRTOCLEDie Sonne ging auf.
MYRTOCLERosige Lichter fühle ich flirren über meinen toten Augen.
ARCESIUSMyrtocle, Myrtocle, geliebtes Weib!
MYRTOCLEDeiner Stimme Klang hüllt mich ein
MYRTOCLEwie ein warmer Regen im Mai!
ARCESIUSMyrtocle, Myrtocle, geliebtes Weib!
Er zieht sie an sich.
MYRTOCLEDeiner Finger Druck hüllt mich ein,
MYRTOCLEwie ein weicher Mantel beim Bad.
ARCESIUSHalt' ich doch, was mir das Liebste ist auf der Welt!
ARCESIUSSo schön ist die Erde, so schön ist der junge Tag,
ARCESIUSso schön der Himmel in der Sonne Licht!.
ARCESIUSAber schöner als alles, Myrtocle, bist du!
MYRTOCLESchön ist die Erde, schön ist der Himmel und der junge Tag! -
MYRTOCLEAch, wenn nur einmal meine Augen sehen könnten alle die Schönheit!
ARCESIUSSiehst du sie nicht mit meinen Augen, Geliebte?
zärtlich
MYRTOCLEO ja, ich sehe sie! Du lehrtest es mich. -
MYRTOCLEIch höre alle Schönheit aus deinem Munde,
MYRTOCLEich fühle sie mit deinen guten Händen.
MYRTOCLEUnd nur eines, eines möchte ich sehen - -
ARCESIUSWas ist es?
MYRTOCLEDich, o Geliebter, dich!
MYRTOCLEO einmal nur, nur ein einziges Mal!
verbirgt seinen Schreck
ARCESIUSDu süsse Frau!
MYRTOCLEWeisst du noch, mein Herr, wie du mich am Strande fandest?
MYRTOCLEIn Korinth unter den Ölbäumen?
MYRTOCLEEin armes, unwissendes, blindes Mädchen.
MYRTOCLEDa erzähltest du mir ein Märchen.
ARCESIUSWelch ein Märchen?
MYRTOCLEDas Märchen von Amor und Psyche!
MYRTOCLENie, nie will ich es vergessen.
MYRTOCLEPsyche wandelt durch Säulenhallen.
MYRTOCLESüsse Klänge und Sänge schallen,
MYRTOCLERosen duften aus goldenen Schalen,
MYRTOCLEReiche Schätze prunken und prahlen.
MYRTOCLEArme kleine Psyche!
MYRTOCLENächtens fühlt sie des Gatten Küsse
MYRTOCLESchier, als ob sie vergehen müsse,
MYRTOCLEHört seine Stimme in süssem Entzücken,
MYRTOCLENie aber darf sie den Liebsten erblicken.
MYRTOCLEArme kleine Psyche!
MYRTOCLEUnd mit kleiner Lampe verstohlen.
MYRTOCLESchleicht sie zu ihm auf stillen Sohlen,
MYRTOCLESieht den Schönsten durch selige Stunden,
MYRTOCLEAmor, den Gott - da ist er entschwunden.
MYRTOCLEArme kleine Psyche!
ARCESIUSO Myrtocle, du bist schöner als Psyche noch!
MYRTOCLEDu aber, mein geliebter Herr,
MYRTOCLEbist schöner wie Amor, der Gott!
MYRTOCLEWenn ich träume in stillen Stunden,
MYRTOCLEdann sehe ich mich vor deinem Lager knien,
MYRTOCLEdie kleine Lampe in der Hand.
MYRTOCLEUnd mein Auge lebt und trinkt
MYRTOCLEdie göttliche Schönheit deines Schlummers!
MYRTOCLEIn der Haare Gold hüllt sich dein edles Haupt,
MYRTOCLEdeine duftenden Locken fallen über die Wangen,
MYRTOCLEÜber den weissen Nacken und verbreiten einen solchen Glanz,
MYRTOCLEdass der Lampe Licht davor erbleicht!
MYRTOCLEWeiss, glänzend, über alles schön ist dein herrlicher Leib!
ARCESIUSO Myrtocle, kein Sterblicher ist so schön wie der Liebe Gott!
MYRTOCLEDoch! Doch! Doch! - Du bist so schön, bist schöner noch!
MYRTOCLEGüte und Schönheit sind eins,
MYRTOCLEkein Mensch auf der Welt ist so gut wie du -
MYRTOCLEso musst du auch der Schönste sein unter allen Menschen!
gequält
ARCESIUSO du - -
Sie umhalst ihn, küsst ihn zärtlich.
Aurelius Galba, der römische Centurio, tritt auf.
AURELIUS GALBAGruss dir, Arcesius! Und dir, schöne Myrtocle,
AURELIUS GALBAGruss, meines Freundes Weib!
ARCESIUSAurelius Galba! Was bringt dich so früh hierher?
GALBAPontius, der Landpfleger entbietet dich zum Rate.
ARCESIUSZum Rate? Um diese Stunde?
GALBADer Hohepriester der Juden führt eilige Klage.
Ein Fremder zieht ein in Jerusalem, Jesus aus Nazareth;
GALBAdas Volk glaubt, dass er der versprochne Prophet,
GALBAdie Priester nennen ihn einen schlimmen Volksverführer -
GALBAwir müssen richten.
MYRTOCLEGeht voran, edler Galba! -
MYRTOCLELasst mir den Gatten noch einen Augenblick,
MYRTOCLEnur zum Abschiednehmen.
zu Galba, der sich zum Gehen wendet
ARCESIUSWeisst du doch nicht, mein Freund, wie es schmerzt,
ARCESIUSsich von der Geliebten zu trennen - auch auf kurze Stunden nur.
halb für sich, mit glühendem Blick auf Myrtocle
GALBAWeiss ich es nicht? -
GALBADoch ich weiss gut, wie es schmerzt, Unerreichbares zu lieben! -
zu Arcesius
GALBANimm Abschied, mein Freund, du dreimal Glücklicher! -
GALBABeim Rate erwart' ich dich!
Galba ab.
zu Arcesius
MYRTOCLEKomm, komm, Geliebter, leih mir deinen Arm! -
MYRTOCLEWie unwillkommen ist mir doch dein Freund - der dich mir stiehlt!
ARCESIUSO schilt ihn nicht! Ich glaube, er leidet viel -
MYRTOCLEEr leidet? Galba leidet - ?
ARCESIUSEr liebt dich, Myrtocle.
MYRTOCLEGalba - mich?
ARCESIUSFühlst du es nicht?
ARCESIUSGlaubst du, dass ich der einzige bin, der deine Schönheit sieht?
MYRTOCLEDer einzige gewiss, für den sie blüht - für dich allein.
umfasst sie zärtlich
ARCESIUSFür mich - für mich! - Ja, dreimal glücklich bin ich! -
ARCESIUSSeit jenem Sonnentag, als ich dich fand! - In dir ruht all mein Glück!
MYRTOCLEUnd so, Arcesius, ruht mein Glück in dir!
MYRTOCLEUnd mehr noch, mehr, viel mehr!
MYRTOCLEDenn nichts lenkt meine toten Augen ab,
MYRTOCLEund alles das, was dir im Arme ruht,
MYRTOCLEwas leis erbebet unter deinem Kuss - lebt nur für dich!
ARCESIUSO Myrtocle, dein schöner Leib ist der Altar,
ARCESIUSauf dem den ewigen Göttern ich meine Opfer bringe!
MYRTOCLESo lass dein Opfer durch die Lüfte brennen,
MYRTOCLEdass sie dich gnädig hören!
ARCESIUSDer Priester bin ich, der das Heiligtum
ARCESIUSzur allerhöchsten Schönheit treulich hütet.
MYRTOCLEWie heiss ist deiner Leidenschaften Lied!
ARCESIUSWie süss ist deiner Zärtlichkeiten Klang!
MYRTOCLEWie hüllt mich deiner Sehnsucht Mantel ein!
ARCESIUSWie lockt mich deiner Seele süsser Sang!
MYRTOCLEDu holder Traum meiner blinden Nacht!
ARCESIUSDu Göttin, die meinem Leben lacht!
MYRTOCLEMein süsser Gatte -
ARCESIUSIch liebe dich!
Heisse Umarmung, leidenschaftliche Küsse. Er macht sich sanft los aus ihren Armen.
ARCESIUSGeliebte, leb' wohl!
MYRTOCLESchon willst du gehen?
ARCESIUSBald bin ich zurück bei dir.
Noch ein Kuss, dann ab.
MYRTOCLEBald - bald - Schon hallen seine Schritte den Hügel hinab. -
MYRTOCLEAllein bin ich - allein - Wann kommst du? -
MYRTOCLEBald - bald! - Mein süsser Gatte - könnt' ich nur einmal dich sehen!
Arsinoe kommt aus dem Garten, in den Armen einen mächtigen Korb,
bis oben überladen mit vielen bunten Blumen. Sie geht zu Myrtocle hin.
ARSINOEHerrin -
MYRTOCLEBist du's, Arsinoe? -
MYRTOCLEViele Blumen bringst du vom Garten her! -Wie sie duften!
Sie öffnet die Arme, wie um sich den Duft herzuwehen
ARSINOEHier, liebe Herrin -
nimmt ein paar Blumen, befühlt sie
MYRTOCLEDas sind Rosen. Welche Farben haben sie?
ARSINOEWeiss! Wie deine Wangen, schöne Myrtocle.
MYRTOCLEUnd diese hier?
ARSINOEDie sind rot, wie deine Lippen sind.
greift wieder in den Korb
MYRTOCLEDas sind Nelken - würzig und frisch:
MYRTOCLEUnd Hyazinthen, viele Hyazinthen -
MYRTOCLEdie duften wie schöner Frauen Leib.
gibt ihr rote Blüten
ARSINOEHibiskus, Herrin, rote Hibiskus -
MYRTOCLEDie trag mir ins Schlafgemach!
MYRTOCLEStell sie zu Häupten des Lagers -
MYRTOCLEda mögen sie schauen meiner Liebe Träume.
ARSINOEGlückliche Blüten -
MYRTOCLEGlückliche Blüten -
verträumt
MYRTOCLEArsinoe, wo, wo find' ich die kleine Lampe,
MYRTOCLEdie meiner Träume Nacht erhellt?
Ktesiphar, ein ägyptischer Wunderarzt, tritt auf,
geht mit vielen Verbeugungen zu den beiden Frauen.
bemerkt ihn, steht auf
ARSINOEHerrin, da kommt Ktesiphar, der Wunderarzt.
zu Ktesiphar
MYRTOCLEWas willst du, schlechter Arzt?
KTESIPHARHerrin, ein Tränklein bring ich Euch -
MYRTOCLEMach fort, fort! Deine Kunst ist schlecht!
KTESIPHARDies Tränklein hier -
MYRTOCLESchweig, schweig! - Schick ihn fort, Arsinoe!
KTESIPHARSo hört doch nur -
ARSINOENein! - Ihr habt uns betrogen!
ARSINOEErst waren es Pillen, dann eine teure Salbe! -
ARSINOEAber nichts half, blind ist sie, wie je!
KTESIPHARDies Tränklein hilft!
ARSINOENun soll es ein Tränklein sein!
KTESIPHAREs hilft! - Sie wird sehen!
ARSINOEGeht nur fort!
KTESIPHARSo hört mich doch nur an! -
KTESIPHARIn Theben fand man jüngst im Grab der Phto,
KTESIPHARDer schönen Tochter König Rampsinits,
KTESIPHARDie blind geboren, später sehend ward,
KTESIPHARPapyrusrollen, eng mit Gold umschnürt.
ARSINOEDu lügst!
KTESIPHARNein! Nein! -
KTESIPHAREin Isispriester sandte mir das Blatt,
KTESIPHARIch führt es aus, ich, Ktesiphar, der Arzt!
KTESIPHARDrei Tröpfchen Galle einer Zibetkatz,
KTESIPHARDrei Kröteneier, eine Maulwurfzung,
KTESIPHARDrei Unzen Theriak, fünf Unzen Blut
KTESIPHARDes Hippopotamus, dazu das Herz
KTESIPHARDes Basilisks! Im Mörser stiess ich es
KTESIPHARUnd mischt darein das Aug des Wiedehopfs.
ARSINOEPfui! Pfui!
fortfahrend
KTESIPHARHerrin, versucht es nur!
KTESIPHARNehmt es, wann Vollmond ist,
KTESIPHARBenetzt die Lider, trinkt den andern Teil,
KTESIPHARUnd sehend werdet Ihr den Tag erschaun!
steht auf, einige Schritte auf den Arzt zu, stark
MYRTOCLEHört, Ktesiphar! - Ich kauf das Tränklein
MYRTOCLEund zahl Euch jeden dreimal höchsten Preis - wenn es mir hilft!
MYRTOCLEJedoch, versteht mich wohl: ich halt' Euch eng verwahrt!
MYRTOCLEUnd hilft es nicht - ruf ich die Sklaven her und lass Euch blenden!
MYRTOCLEDann mögt Ihr sehen, wie Euer Trank Euch hilft! -
stotternd
KTESIPHARMächtige Herrin -
MYRTOCLENun? - Geht Ihr den Handel ein??
KTESIPHARHerrin - vielleicht - vielleicht -
drängend
MYRTOCLENun?
sich zurückziehend
KTESIPHARVielleicht - versuch ich's erst an einem - blinden - Hunde -
lacht grell auf
MYRTOCLEJa, ja, versucht's an einem Hunde!
Myrtocle setzt sich wieder auf die Treppe, nimmt wieder Blumen auf, kauert sich zu ihr.
MYRTOCLEEr kann nicht helfen. Niemand kann helfen.
MYRTOCLENie wird meine Sehnsucht gestillt, meine Sehnsucht nach Licht!
umfasst ihre Knie
ARSINOEO Herrin -
MYRTOCLEWas?
ARSINOEDarf ich sprechen?
MYRTOCLESprich, mein Kind!
ARSINOEEs mag wohl einen geben, der Euch helfen kann!
MYRTOCLEMir? - Keiner!
dringlicher
ARSINOEAm Brunnen heute traf ich die alte Ruth.
Und sie sagte: heute zieht ein Mann ein in Jerusalem,
ARSINOEder macht die Lahmen gehend und sehend die Blinden!
MYRTOCLEDie Blinden sehend?
ARSINOEJa, die Blinden sehend!
MYRTOCLEWie heisst er?
ARSINOEJesus aus Nazareth -
MYRTOCLEJesus? - - Galba, nannte den Namen!
Etwa hier beginnt leise der Lärm und die Bewegung der kommenden Menge hinter der Szene;
Myrtocle und Arsinoe stehen auf, lauschend.
ARSINOEHörst du, Herrin, hörst du? - Da naht der Zug -
verfolgt zweifelnd ihre Gedanken
MYRTOCLEJesus aus Nazareth - was ist das für ein Mann!
MYRTOCLEEin Jude - ein Zauberdoktor? Ein Betrüger - - wie die andem.
lebhaft
ARSINOEHerrin, Ruth sagt: er sei ein Mensch,
ARSINOEder Mitleid habe mit andern Menschen -
Der Lärm wird stärker, Volk kommt, die Bühne füllt sich.
Myrtocle und Arsinoe etwas höher die Treppen hinauf.
Immer voller wird die Bühne, jüdische Frauen, Männer und Kinder treten auf, darunter Kranke und Krüppel; aber nicht auf einmal, sondern im Verlaufe der Szene. Aus dem Hause des Arcesius kommen neugierig Sklaven und Mägde. Man sieht die alte Ruth, auch Rebekka, Sarah und Esther.
Aus dem Volke ragt hervor, in blauem Mantel, mit langen goldenen Locken die Gestalt der Maria Magdalena. Lärmen, Gewoge; viele bringen Palmenzweige. - Es ist gedacht, dass der Zug Jesus' auf Jerusalem zu sich hinbewegt und über den Hügel kommen soll.
EIN JUDEHier kommt er vorbei!
SARAHSie brachen auf von Bethphage.
EIN JUDEDer Messias kommt -
ESTHERSie ziehen den Ölberg hinab.
EIN ANDERER JUDEDer Prophet aus Nazareth.
wird von ihren Verwandten auf einer sehr einfachen Sänfte getragen.
EINE SIECHE FRAUBringt mich nah heran!
EINE SIECHE FRAUWenn ich nur seines Kleides Saum berühren kann!
SARAHEr wird dir helfen!
der auf Krücken geht
EIN ALTER JUDEWenn er die Hand aufhebt - werf ich die Krücken fort!
RUTHDie Lahmen gehen!
EIN JUDESchafft Palmen her, eilt in die Gärten!
REBEKKAEs sind des Römers Gärten.
EIN ANDERER JUDEWas Römer? - Der Sohn Davids kommt!
EIN JUDEBrecht ihm Palmen!
Einige eilen in die Gärten des Arcesius, Palmen zu brechen, andere kommen mit Palmen.
RUTHGelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
ESTHEREr hat sein Volk gespeistl
SARAHEr erlöst uns von allem Leid!
EIN JUDEEr erweckte des Jairi totes Töchterlein!
EIN ANDERER JUDEIn Jericho machte er zwei Blinde sehend!
zu Myrtocle
ARSINOEHört Ihr, hört Ihr, Herrin?
erregt
MYRTOCLEEin lichter Strahl fällt in meine dunkle Nacht!
EIN JUDESie kommen, sie kommen!
EIN ANDERER JUDEHierher führt ihn der Weg!
Das Volk drängt mehr nach hinten.
SARAHSie ziehen ihm entgegen von Jerusalem -
REBEKKADa bringen sie eine Eselin.
EIN JUDEFür den Einzug des Herrn!
RUTHWie es geschrieben steht:
RUTH"Sieh, dein König kommt zu dir, sanftmütig, er reitet auf einem Esel."
EIN JUDESeht, Leute, seht!
ESTHERAuf einem Esel zieht er ein -
EIN ALTER JUDENur für die Armen - nur für die Kranken naht er.
Während dieser Worte ist Maria von Magdala aufgetreten.
MARIA VON MAGDALAFür alle kam der Herr, für alle, die Leiden tragen - ich weiss es wohl!
REBEKKAWer ist die Frau ?
EIN ANDERER JUDEMaria ist es, das Weib aus Magdala.
REBEKKAEine Reiche!
SARAHDie Sünderin -
MARIA VON MAGDALAJa, - die Sünderin, die Reue trug! -
MARIA VON MAGDALAMit Narden salbt' ich des Herrn müden Fuss
MARIA VON MAGDALAund trocknete ihn mit meinem Haar. -
MARIA VON MAGDALAVor ihm kniete ich, da erlöste er mich von allen Sünden.
REBEKKAVergibt er auch die Sünden?
MARIA VON MAGDALAWer an ihn glaubt, zieht hin von ihm in Frieden.
hinten
EIN JUDESie sind im Tal.
EIN ANDERER JUDESie ziehn hinauf.
zu Arsinoe
MYRTOCLEFühr mich hinab!
Die beiden kommen langsam die Stufen herab.
ARSINOEHerrin, wohin?
MYRTOCLEIch will zu Jesus -
zu der Menge
ARSINOESchafft Platz für Myrtocle, des Arcesius Weib! - Macht Platz!
Unwillig murmelnd machen die Leute Platz.
Als die beiden vor Maria von Magdala stehen, fragt diese die Arsinoe.
MARIA VON MAGDALAWohin führst du die schöne Blinde?
MYRTOCLEIch will zu Jesus von Nazareth.
MARIA VON MAGDALAWas willst du von ihm?
MYRTOCLEIch will sehen!
EIN JUDEDie Griechin will zum Propheten!
EIN ANDERER JUDEDer Sohn Davids kam nicht für die Fremden!
SARAHNicht für die Römer!
EIN JUDENicht für die Reichen!
ESTHERNur für die armen Juden kam er!
mit grosser Empfindung
MARIA VON MAGDALAO wie wenig kennt ihr Jesus, ihr Leute aus Jerusalem! -
MARIA VON MAGDALAFür alle Menschen kam er,
MARIA VON MAGDALAfür alle, die mühselig und beladen sind!
MYRTOCLEAuch für mich?
MARIA VON MAGDALAAuch für dich, schöne Griechin! -
MARIA VON MAGDALASag mir, warum willst du sehn?
MYRTOCLEVom Isthmus bin ich, von Korinth -
MYRTOCLEdas ist die schönste Stadt der Welt. -
MYRTOCLENur ich allein sah nichts von alledem.
MYRTOCLEDa lag ich oft am weissen Strand und träumte von dem Licht! -
MYRTOCLEIch atmete der Blumen süssen Duft,
MYRTOCLEich fühlte aller Lüfte linden Hauch -
MYRTOCLEdoch sah ich nichts! -
MYRTOCLESchön ist mein Gatte, und alle ihn erschauen,
MYRTOCLEnur ich darfs nicht, ich, die ihn heisser liebt als je ein Weib geliebt! -
MYRTOCLEUnd darum will ich sehen!
MARIA VON MAGDALAGriechin, nicht an den Augen hängt des Lebens Glück!
MYRTOCLEFühr mich zu ihm, der Wunder tut!
MYRTOCLEUnd heilt er mich, so schlägt gleich hoch der Opfer Rauch
MYRTOCLEfür Zeus und Phoibos und für euren Jehovah.
EIN JUDESie lästert --. hört!
EIN ANDERER JUDEin gleiches Opfer unserm Gott und Zeus!
EIN JUDELasst sie nicht durch!
ESTHERDie Fremde!
SARAHDie Ungläubige!
EIN JUDEDrängt sie zurück!
EIN ALTER JUDESie darf nicht hin -
Das Volk nimmt eine drohende Haltung an.
MARIA VON MAGDALAWer von euch darf es wagen,
MARIA VON MAGDALAsich zwischen diese Frau und Jesus von Nazareth zu stellen?
EIN JUDENur für uns gilt sein Wort!
ESTHERNur für der Juden Volk!
SARAHWir sind das auserwählte Volk!
EIN ANDERER JUDENur uns ist der Heiland versprochen!
MARIA VON MAGDALADes Herrn Sohn fragt nicht nach Land, nach Herkunft,
MARIA VON MAGDALAnicht nach Stand, nach Ansehn. -
MARIA VON MAGDALAHört, ihr Leute von Jerusalem, was er lehrt:
MARIA VON MAGDALAIch bin der gute Hirte,
MARIA VON MAGDALAder gute Hirte lasset sein Leben für seine Schafe!
MARIA VON MAGDALAWer ist unter euch, der hundert Schafe hat
MARIA VON MAGDALAund so er deren eines verliert,
MARIA VON MAGDALAder nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste
MARIA VON MAGDALAund hingehe nach dem verlorenen, bis dass er es finde?
MARIA VON MAGDALAUnd wenn er es gefunden hat,
MARIA VON MAGDALAso legt er's auf seine Achsel mit Freuden,
MARIA VON MAGDALAund wenn er heimkommt,
MARIA VON MAGDALAruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen:
MARIA VON MAGDALA"Freuet euch mit mir,
MARIA VON MAGDALAdenn ich habe mein Schäflein gefunden, das verloren war!"
ganz hinten
EIN JUDEJetzt sind sie ganz nahel
EIN ANDERER JUDESie ziehen unten vorbei!
EIN DRITTER JUDESie kommen nicht hier herauf -
SARAHEilt ihm entgegen!
ESTHERSchwingt Palmen!
RUTHHosianna dem Herrn! Dem Sohne Davids!
Ergreift eine Palme, geht ab.
DIE MENGEHosiannal Hosianna dem Herrn!
DIE MENGEDem Sohne Davids! Hosianna!
Auch hinter der Szene Hosianna und Halleluja-Rufen!
DIE MENGEHosianna in der Höhel
Die Menge drängt nach hinten, den Hügel hinab.
Hinten bleiben einige Männer und Frauen beobachtend stehen und blicken hinab. -
Vorne nur Myrtocle und Arsinoe, mit ihnen Maria von Magdala.
MYRTOCLEIch möchte sehn!
MARIA VON MAGDALAIch will dich zu ihm führen! - Gedenke doch der Worte:
MARIA VON MAGDALA"Entsagung ist der Leidenden Tugend."
MYRTOCLEEntsagung war mein ganzes Leben! - Ich will sehen!
MARIA VON MAGDALADu musst verzichten auf dein eigen Glück,
MARIA VON MAGDALAum deiner Nächsten Glück zu retten,
MARIA VON MAGDALAder Nächsten, die du liebst!
MYRTOCLEWeil ich so heiss den Gatten liebe,
MYRTOCLEgrade darum will ich sehn!
MARIA VON MAGDALASo will ich dich zu ihm führen, liebe Schwester. -
MARIA VON MAGDALAEr ist gekommen in die Welt, ein Licht,
MARIA VON MAGDALAdass, wer an ihn glaubt, nicht in Finsternis bleibe! -
MARIA VON MAGDALAGlaubst du an ihn?
MYRTOCLEJa! - - Wenn Sehnsucht und Hoffnung schon Glaube ist!
Maria von Magdala umfasst Myrtocle, an der andem Seite wird diese von Arsinoe geführt. -
Alle drei gehen langsam nach hinten, dem Volke nach.
Einige der Sklaven und Dienerinnen folgen Myrtocle, andre drängen sich zwischen die wenigen zurückgebliebenen Juden, die im Hintergrunde stehen und von dort hinabblicken.
Man hört draussen noch das Hosianna und Halleluja der Menge.
Die zurückgebliebenen Juden beobachten den Zug des Messias.
EIN JUDEDa ist er!
EIN ANDERER JUDEDer, der da! Der auf der Eselin reitet!
EIN DRITTER JUDERings um. ihn sind seine Jünger -
REBEKKAZwölf sind es!
EIN JUDESeht doch die Leute -
EINE JÜDINSie streuen ihm Palmen - -
ZWEITER JUDEUnd grüne Maien -
REBEKKASie ziehen ihre Kleider aus - -
EINE JÜDINBreiten sie vor ihm auf den Weg.
EIN JUDESie jauchzen und schreien!
REBEKKASeht, da kommt die Griechin!
ZWEITER JUDELasst sehn, lasst sehn!
EINE JÜDINWas tut er?
EIN DRITTER JUDEEr spricht zu ihr -
REBEKKANun hebt er die Hand -
ERSTER JUDEEr berührt sie -
EINE JÜDINBerührt ihre Augen -
REBEKKAHeiliger Gott! - Sie sieht, sie sieht!!
durcheinander
ALLESie sieht, sie sieht!! Ein Wunder!! Ein Wunder!!
Von draussen auch ein gewaltiger Aufschrei des Volkes.
ALLE"Sie sieht!! Ein Wunder!!" -
Alle stürzen ab. Die Bühne ist völlig leer.
SYSTEMELFTE SZENE
Plötzlich tiefe Stille. Und durch diese tiefe Stille klingt hell
EINE STIMMEO Weib, wahrlich, ich sagt dir:
EINE STIMMEehe die Sonne zur Neige geht, wirst du mir fluchen!
SYSTEMZWÖLFTE SZENE
Die Sonne steht senkrecht, es ist voller Mittag.
Hinter der Szene setzt, aber immer mehr sich entfernend, das Jauchzen des Volkes wieder ein. "Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt, der da kommt im Namen den Herrn!
Halleluja! Hosianna in der Höhe!" -
Langsam verklingt der Lärm.
sehend, stürzt auf die Bühne, atemlos. Hinter ihr her kommt Arsinoe
MYRTOCLEEin Spiegel!! Ein Spiegel!!
ARSINOEGleich, Herrin!
Sie stürzt eilend die Treppe hinauf ins Haus
allein auf der Bühne. Ihre Augen trinken das Licht.
Stummes Spiel. Dann erst beginnt sie.
MYRTOCLELicht! Licht! Überall Licht -
MYRTOCLEWie schön ist die Erde, wie schön ist der Himmel,
MYRTOCLEwie schön ist der Tag in der Sonne Schein!
MYRTOCLEGlück! Glück! Strahlendes Glück!
MYRTOCLEUnd es lacht mir rings die herrliche Welt!
eilt die Treppe hinab, häIt Myrtocle den Spiegel hin
ARSINOEDer Spiegel, Herrin!
ergreift ihn hastig, nach einer Weile
MYRTOCLESchön bin ich, Arsinoe, schönl
ARSINOEWunderschön, liebe Herrin!
MYRTOCLERot, rot sind die Lippen -
ARSINOEWie die roten Rosen so rot!
MYRTOCLEWeiss, weiss sind die Wangen -
ARSINOEWie die weissen Lilien so weiss!
MYRTOCLEBraun sind meine Locken!
ARSINOEWie die Locken der Echo, der süssen Nymphe!
legt den Spiegel auf den Brunnens Rand, blickt dabei in den Brunnen
MYRTOCLESchau, schau! Unten im Wasser - eine Nymphe!
zum Brunnen
ARSINOEWo, Herrin, wo?
MYRTOCLEDa, da! - Guten Tag, schöne Nymphe, dich grüsst Myrtocle!
STIMME AUS DEM BRUNNENMyr - to - cle - -
MYRTOCLEEs ist Echo, die Nymphe Echo!
STIMME AUS DEM BRUNNENE - cho!
ARSINOEO Herrin, es ist dein Bild,
ARSINOEdas dir das Wasser zurückwirft wie der Spiegel!
ARSINOEUnd deiner Stimme Schall wirft Echo zurück!
vom Brunnen weg, hört der Zikaden Lied
MYRTOCLEO die Zikaden! Meiner Träume Gespielen!
MYRTOCLENun weiss ich, warum sie singen, die Kinder des Lichts!
Sie umhalst Arsinoe
MYRTOCLEAlles lebt - Wasser und Bäume -
MYRTOCLEund meine toten Augen leben - -
ARSINOESchöne Herrin, auch in deines Gatten Augen
ARSINOEwirst du dein Bild schau'n -
MYRTOCLEIn seinen Augen? - Wo ist er? Wann kommt er? -
MYRTOCLEIch will mich schmücken für ihn -
MYRTOCLEschön will ich sein für den Geliebten,
MYRTOCLEwenn in dieser Nacht Eros die Fackeln zündet -
ARSINOESchön wie Psyche wirst du sein.
MYRTOCLEKomm hilf mich kleiden, Arsinoe!
MYRTOCLEDie kleine Lampe brennt - glücklich ist Psyche!
will aus Gewohnheit sie führen
ARSINOEJa, Herrin -
macht sich frei; jubelnd
MYRTOCLEMyrtocle braucht nicht mehr deine treue Hand - Myrtocle sieht!
Die beiden Frauen die Treppe hinauf, ins Haus.
Einen Augenblick ist die Bühne leer, dann kommen langsam, sich unterhaltend, Arcesius und Aurelius Galba.
GALBANun bist du heim bei deinem Glück. - Leb wohl, Arcesius -
ARCESIUSAuf morgen, Galba.
GALBANein, Freundl Auf morgen nicht, und nicht auf lange Zeit. -
GALBAIch sprach mit Pontius - der willigt ein.
GALBANoch heut reit ich ab nach Damaskus.
ARCESIUSNach Damaskus?
GALBANie wieder sieht mich diese Stadt!
ARCESIUSWas heisst das?
GALBADu weisst es, Freund
er ergreift seinen Arm, mit einem Blick auf das Haus
GALBABesser ist's, ich geh - hier sterb ich -
ARCESIUSWas?
GALBAAn unerfülltem Wunsch - an ungestillter Sehnsucht -
ARCESIUSArmer Freund - willst du nicht Abschied nehmen von Myrtocle?
rasch
GALBANein - Nein! Bring du ihr Galbas Grüsse!
GALBAUnd freu' dich ihrer, Freund, du Glücklicher!
kommt aus dem Hause; sie eilt auf den Brunnen zu,
auf dessen Rand Myrtocle den Spiegel liegen liess.
Sie ergreift ihn, wendet sich, bemerkt dann erst die beiden.
ARSINOEArcesius - Herr!
lachend
ARCESIUSArsinoe, eitles Ding! - Ein Spiegel!
ARSINOENicht für mich - für meine Herrin!
ARCESIUSFür Myrtocle?
GALBAFür Myrtocle?
ARSINOEJa, Herr! - Für Myrtocle! - Sie sieht!
ARCESIUSWas sagst du da? - Sie sieht?! -
ARSINOEDer jüdische Prophet - sie ging zu ihm -
ARSINOEda hob er seine Hand - sehend ward sie!
GALBAEin Wunder!
ARCESIUSDu lügst!
ARSINOEMyrtocle sieht!
freudig
GALBAMyrtocle sieht!!
schwer atmend
ARCESIUSMyrtocle sieht!!
Ausdruck qualvollsten Schmerzes
ruft von innen
MYRTOCLEArsinoe! Arsinoe!
fasst sie heftig am Arm, wild
ARCESIUSWenn dir dein Leben lieb ist, sag ihr nichts!
zitternd
ARSINOENein - Herr!
Sie geht furchtsam ab.
ARCESIUSGalba! Galba!
in Gedanken
GALBAJa -
ARCESIUSVerstandest du denn nicht? Myrtocle sieht!
GALBAFreue dich! - Vollkommen ist sie nun!
wird immer bitterer, immer verzweifelter
ARCESIUSMich freuen? Ich? Zerschmettert liegt mein Glück!
GALBAWeil sie den Tag erschaut - sie, die dich liebt?
ARCESIUSKurzsichtiger! - Was sieht sie denn?
ARCESIUSMich wird sie sehen, mich, mich! -
ARCESIUSDen Mann, den sie so schön sich vorgestellt,
ARCESIUSwie nur Apollon war, dem ihre blinde Liebe göttliche Formen gab! -
ARCESIUSUnd den Mann - mich - wird nun ihr Auge sehen:
ARCESIUSentstellt, hinkend, hässlich und missgestalt!
GALBAFreund -
ARCESIUSZu Ende ist der schöne Traum -
ARCESIUSich bin verloren - ich bin vernichtet!
Er stützt sich auf den Brunnenrand, schluchzt, Galba bei ihm.
im Hause, sie singt der Bilitis Lied
MYRTOCLEEine kleine Astarte beschützt Mnasidika,
MYRTOCLEeine kleine Astarte aus Ton. -
MYRTOCLEIn Camiros formte sie ein guter Töpfer. -
MYRTOCLESie ist nur daumengross und aus gelbem Ton.
hört ihre Stimme, lauscht
ARCESIUSSie singt - der Bilitis Lied! -
ARCESIUSNun ist sie glücklich, da ihre Augen die Sonne sahen. -
ARCESIUSAber bald sinkt die Sonne -
ARCESIUSda wird sie weinen um ihren toten Traum.
singt weiter
MYRTOCLEIhre Locken fallen herab, hüllen die schmalen, Schultern. -
MYRTOCLELang geschlitzt sind ihre Augen -
MYRTOCLEund ihr Mund ist ganz klein.
MYRTOCLEDenn sie ist die sehr Schöne!
weich
ARCESIUSHier, Galba, hier verliess ich sie an diesem Morgen! -
ARCESIUSDa träumten ihre toten Augen den süssen Traum,
ARCESIUSden ich ihnen schenkte!
ARCESIUSO schöne toten Augen - ihr waret das Geheimnis unseres Glücks,
ARCESIUSder einzige Grund, auf dem unsere Liebe wuchs.
ARCESIUSSo liess ich sie!
heftiger
ARCESIUSUnd da kam ein Fremder - der hob seine Hand! -
ARCESIUSMit einer kleinen Geste zerriss er mein Glück,
ARCESIUSzerschlug alle unsre süssen Träume -
singt weiter
MYRTOCLEO kleine Astarte aus Ton - schick mir den Geliebten!
MYRTOCLEMein Lager wartet seiner holden Schönheit -
MYRTOCLEalle Rosen duften für ihn - send ihn,
MYRTOCLEsend ihn, du Göttin der Liebe!
ARCESIUSZu Ende ist das Lied! - Zu Ende unser Glück!
GALBASie liebt dich ja!
noch mehr ausbrechend
ARCESIUSLiebt mich? Einen Traum liebt sie - nicht mich!
ARCESIUSWas tu ich nur? - Sie wird mich sehen -
ARCESIUSUnd Ekel wird sie fassen! -
ARCESIUSAlles stürzt -verloren bin ich, - bin zertreten!
SECHZEHNTE SZENEMyrtocle, geschmückt, in weissem Peplon, tritt aus dem Haus, zwischen den Säulen des Peristyls. Die Nachmittagssonne beleuchtet sie.
Arcesius sieht sie, versteckt sich, wie ein verwundetes Tier, hinter dem Brunnen.
SECHZEHNTE SZENEGalba bleibt in der Mitte stehen. Starrt sie regungslos an.
Myrtocle blickt auf Galba, wortlos. - Eine Weile Schweigen.
MYRTOCLEGeliebter - Langersehnter!
schweigt
MYRTOCLEDu schweigst - du sagst kein Wort? - Doch hast ja recht!
Die Treppe hinunter auf ihn zu
MYRTOCLESprich nicht!
MYRTOCLEWie oft trank ich deiner Stimme Klang in meiner tiefen Nacht! -
MYRTOCLENun, da die Lider offen stehn dem Licht...
MYRTOCLEnun will ich dich allein f ür meine Augen ...
macht unwillkürlich einen Schritt zurück
lächelnd
MYRTOCLEBist du so gar verwirrt? Kennst du mich nicht?
MYRTOCLESchau ich so anders aus, seit ich sehe?
Auf ihn zu.
MYRTOCLEDoch du, geliebter Herr, du bist ganz so
MYRTOCLEwie ich dich stets geträumt!
MYRTOCLESo wie Achill stehst du da; umflutet rings von Licht,
MYRTOCLEwie Herakles, nein, mehr noch, wie Apoll!
MYRTOCLEMein Held, du schöner Halbgott, du mein Gott!
macht eine abweichende Bewegung, seine Lippen bewegen sich
küsst seine Hände
MYRTOCLEDie kleine Lampe brennt, Psyche kann sehn! -
MYRTOCLESie schmückte sich für Amor, ihren Gott!
Immer wärmer, eindringlicher
MYRTOCLEHerr, geliebter Freund,
MYRTOCLEin deine Arme drängt mein junger Leib,
MYRTOCLEnach deinen Küssen sehnt sieh heiss mein Mund.
Sie wirft sich in seine Arme.
beisst sich in die Lippen, versucht sie sanft, aber stets schweigend abzuwehren
MYRTOCLEWie? Grausamer! Schweigsamer Gatte, stösst du mich zurück? -
MYRTOCLELiebtest du mich nur, als ich, ein blindes Kind, noch tastend ging? -
Dicht an ihm - mit grosser Empflndung.
MYRTOCLEIch bin ein Weib nun, offen ist mein Blick!
Sie fasst mit beiden Händen seinen Kopf.
MYRTOCLEMein Bild spiegelt sich in deinen Augen,
MYRTOCLEund in dem Auge les ich alles auch,
MYRTOCLEwas mir dein Mund nicht spricht -
MYRTOCLEIch lese - dein Verlangen - deinen Wunsch - und alle heisse Liebe - ! -
MYRTOCLELiebster, komm!
Sie umarmt ihn glühend, küsst ihn.
kann nicht mehr widerstehen.
Mit einem kurzen Schrei reisst er sie an sich und erwidert heiss ihren Kuss.
springt mit einem Aufschrei rasender Wut und Verzweiflung hervor.
Er stürzt sich auf Galba, fasst ihn mit beiden Händen an die Kehle
reisst ihn zu Boden, erwürgt ihn.
fährt zurück, entsetzt, keines Wortes, keiner Bewegung fähig.
Starrt auf das grässliche Bild, während Arcesius seine Tat vollendet.
lässt endlich die Hände von des Toten Hals, richtet sich halb auf, starrt Myrtocle an.
Schweigen.
heiser, halblaut
MYRTOCLEMörder - Tier -
steht ganz auf. Geht ein paar Schritte zurück, immer den Blick auf Myrtocle -
Oben auf der Treppe erscheint Arsinoe.
wie oben
MYRTOCLEMörder - Tier -
geht weiter rückwärts, immer Myrtocle wie gebannt anstarrend. Ab.
Erst als Arcesius aus ihren Augen entschwunden ist,
ist für Myrtocle der Bann der Erstarrung gebrochen;
nun erst findet sie die Kraft zu schreien.
schreit
MYRTOCLEMord! Mord! Zu Hilfe! Mord!!
Ruft die Treppen herunter
ARSINOEHerrin, Herrin!
Vom Garten her und vom Haus stürzen Sklaven und Sklavinnen herbei,
auch einzelne Juden und Jüdinnen von der andern Seite.
fasst Arsinoe
MYRTOCLEMord! - Ein Tier erwürgt' ihn, eine Bestie!
MYRTOCLEMein Gatte ist ermordet - mein Geliebter tot!
Sie stürzt sich jammernd über Galbas Leiche.
ARSINOEHerrin, liebe Herrin! Hör doch!
Sie bemüht sich um Myrtocle.
MYRTOCLEArcesius ist tot, mein Glück ist tot!
ARSINOEHör doch, Myrtocle, hör, liebe Herrin! -
ARSINOEDas ist dein Gatte nicht - er ist es nicht! -
ARSINOEGalba ist es, Hauptmann Galba!
fährt auf
MYRTOCLEIst nicht Arcesius, ist mein Gatte nicht?
Sie springt ganz auf.
MYRTOCLEEr - den ich küsste, war Arcesius nicht?
ARSINOENein, nein! Galba ist es!
MYRTOCLETräum ich? Schlaf ich? Bin ich wach?? -
MYRTOCLE- Was sahen meine Augen? - Was sang mein Blut?
umfasst sie
ARSINOEKommt, Herrin, kommt ins Haus!
lässt sich einige Schritte willenlos führen.
Fährt plötzlich auf, reisst sich von Arsinoe los, wendet sich zurück.
MYRTOCLEWas geschah denn nur? -
Sie sieht die Leiche wieder.
MYRTOCLESchafft den Toten fort! -
MYRTOCLEWo ist Arcesius? Wo bleibt mein Gatte??
zu den Sklaven
MYRTOCLEGeht in die Stadt, sucht ihn, sucht ihn überall!
MYRTOCLEIch muss ihn sehn! Holt ihn! Bringt ihn mir her!
Einige Sklaven ergreifen Galbas Leiche und tragen sie fort.
Die anderen, auch die Frauen und die Juden und Jüdinnen ab, um Arcesius zu suchen.
Die Bühne leert sich, Myrtocle und Arsinoe allein auf der Szene.
starrt vor sich hin, Arsinoe bei ihr. Eine Weile Schweigen.
MYRTOCLEWas tat ich nur?! - Die Götter straften mich,
MYRTOCLEda ich den Fremden für den Gatten nahm! -
MYRTOCLEMord brachten sie - Entsetzen - Grauen! -
MYRTOCLEWo bleibt Arcesius nur? - Warum lässt er mich hier - allein?
scheu, flehend
ARSINOEHerrin -
MYRTOCLEWo weilt mein Gatte? - Warum kommt er nicht?
ARSINOEO Myrtocle -
MYRTOCLEWas willst du?
ARSINOEIch möchte dir -
MYRTOCLESo rede nur!
ARSINOEMir bangt - ich wag es nicht -
MYRTOCLESprich! Sprich!
ARSINOEGalba -
MYRTOCLENenn mir den Namen nicht! -
MYRTOCLERecht geschah ihm, als ihn das Tier erwürgte! -
MYRTOCLEEr verriet den Freund! - Und. dann,
MYRTOCLEdann fühlt' ich seines Kusses Glut -
MYRTOCLE- ah! noch brennen meine Lippen heiss von Scham und Schande -
ARSINOEHerrin, Myrtocle -
MYRTOCLEWas willst du denn?
ARSINOEGalba kam nicht allein -
MYRTOCLEIch sah nur ihn -
ARSINOEUnd den, der ihn erwürgte -
MYRTOCLEJa - ein widrig Tier -
ARSINOEO Herrin - Herrin - still! - Es war Arcesius, war dein Mann!
lacht laut auf
MYRTOCLEDu Närrin! - Dies Untier, das dem Hades selbst entstieg,
MYRTOCLEdies Ungeheuer, hinkend, missgestalt. - das sei Arcesius?! -
MYRTOCLENärrisch bist du!!
ARSINOEEr war es, Herrin, war Arcesius.
Pause. Schweigen.
MYRTOCLEErbarmt euch, grosse Götter!
ARSINOEMyrtocle -
MYRTOCLESchweig! - Kein Wort! -
MYRTOCLEAmor und Psyche, o verlorener Traum!
MYRTOCLESo log das Märchen doch:
MYRTOCLEnicht Amor war's, den Psyches kleine Lampe fand -
MYRTOCLEein Ungeheuer war es! Und alles Lüge ringsumher,
MYRTOCLEin einem Meer von Lügen tappt ich blind! -
ARSINOEHerrin, Myrtocle -
MYRTOCLESchweig doch! - Warum sagtest du nicht,
MYRTOCLEdass mein Glück nur eine Lüge war?
ARSINOESie war dein ganzes Glück, war des Arcesius Glück!
MYRTOCLEUnd war es so - warum liessest du mich zu dem Manne gehn,
MYRTOCLEder mir das Licht gab - das mein Glück zerschlug?
ARSINOEDu flehtest so!
MYRTOCLEUnd dieser Mann erhob die Hand - da sah ich -
MYRTOCLEund in Scherben lag alles Glück! -
MYRTOCLEEr sei verflucht! Verflucht!
ARSINOEDenk nicht an ihn! - Denk an Arcesius!
MYRTOCLENein! Nein!
sanft
ARSINOETu's doch! Ist's seine Schuld, dass du nun siehst?
MYRTOCLELass mich!
zu ihr
ARSINOEEr liebte dich so sehr! -
leise
MYRTOCLEArcesius -
ARSINOEZerschlagen ist sein Glück mehr noch wie deins! -
ARSINOEWas er tat, tat alles er für dich!
erinnernd
MYRTOCLEO wie liebt' ich ihn,
MYRTOCLEals nur mein Ohr trank seiner Stimme Klang!
ARSINOENoch ist es nicht zu spät -
träumerisch
MYRTOCLENicht zu spät! -
fester
MYRTOCLELass mich allein, Arsinoe - ich will allein sein!
ARSINOEIch gehe, Herrin.
Sie küsst Myrtocles Gewand, geht ins Haus.
bleibt eine Weile regungslos
MYRTOCLEO war ich noch das unwissende blinde Kind,
MYRTOCLEan des Isthmos Strand - unter den Olivenbäumen -
MYRTOCLEWie war es doch? -
MYRTOCLE"Man muss verzichten auf das eigne Glück,
MYRTOCLEum das der anderen zu retten!" -
MYRTOCLEJa - so war es! - Entsagung ist die Tugend der Leidenden -
MYRTOCLESein Glück opfern - sich selbst opfern - für die Nächsten -
MYRTOCLEdas ist des Mannes Lehre, der mir das Licht gab -
MYRTOCLEIst nicht Arcesius mein Nächster?
MYRTOCLEGlücklich war er, glücklich war ich, als ich blind war -
MYRTOCLEUnd alles Unglück brachte das Licht -
Sie wendet sich ab, der scheidenden Sonne entgegen. - Stark.
MYRTOCLESo möge die Sonne wieder ausbrennen meiner Augen Licht!
Sie geht zurTreppe hinauf, steht vor den Säulen.
Auf sie fällt der strahlenden Sonne volles Licht; sie starrt in die Sonne.
MYRTOCLESteht weit offen, meine Augen,
MYRTOCLEweinet nicht, meine Augen!
MYRTOCLEMögen des Phoibos Pfeile euch treffen,
MYRTOCLEmögen sie euren Stolz versenken in ewige Nacht!
Stummes Spiel, während sie in die Sonne starrt; Unterdrückung des heftigen Schmerzes,
Ausdruck der hingebenden Liebe. - Dann feierlich.
MYRTOCLEO meine lieben toten Augen -
Während der letzten Worte ist Arcesius von hinten gekommen;
er geht gebrochen, kriechend bis zur Mitte der Bühne.
Sieht Myrtocle oben vor den Säulen stehen, starrt sie an.
halblaut, klagend
ARCESIUSMyrtocle - Myrtocle -
MYRTOCLEEndlich - endlich! - Ich höre deine Stimme -
MYRTOCLEwo bist du - ich sehe dich nicht -
schrickt auf
ARCESIUSDu siehst mich nicht - du siehst mich nicht?
kommt mit den tastenden Gesten der Blinden ein paar Stufen die Treppe herab;
Arcesius auch ein paar Schritte zu ihr hin
MYRTOCLEIch sehe dich nicht - doch höre ich dein Wort.
MYRTOCLEUnd so fein ist mein Ohr, dass deiner Schritte Rhythmus
MYRTOCLEleise zittert in meinem Herz -
ARCESIUSDu siehst nicht mehr?
MYRTOCLENein! Ich weiss nicht, wie's geschah -
MYRTOCLEzur Sonne blickt' ich und das Licht erlosch!
MYRTOCLEUnd dankbar bin ich, dass ich wieder blind.
ARCESIUSDu siehst mich nicht?
MYRTOCLENein - nein! - Nie sah ich dich!
ARCESIUSNie? Nie? - Wen sahst du denn?
MYRTOCLEIch sah Arsinoe - sah Jesus -
ARCESIUSSahst du auch - Galba?
MYRTOCLEJa, ich sah ihn -
ARCESIUSUnd sahst du den, der ihn überfiel?
MYRTOCLEJa, ich sah ihn wohl. - Ich weiss nicht, wer es war.
ARCESIUSUnd mich, mich sahst du nicht?
MYRTOCLENein!
Mit zärtlichster Empfindung.
MYRTOCLEO warum quälst du mich, geliebter Herr,
MYRTOCLEdu Iris meiner toten Augen, du? -
MYRTOCLESo viel sah ich, so viel - nur dich allein erblickt' ich nicht! -
MYRTOCLEUnd nie werd ich dich sehn! -
MYRTOCLEDoch will ich weiter leben in der Träume Welt
MYRTOCLEfür dich, geliebter Gatte, für dich allein! -
hoffnungsbang
ARCESIUSMyrtocle - Myrtocle - geliebtes Weib -
MYRTOCLEDeiner Stimme Klang hüllt mich ein
MYRTOCLEwie ein warmer Regen im Mai -
auf sie zu, fasst ihren Arm
ARCESIUSMyrtocle, Myrtocle, geliebtes Weib -
zitternd
MYRTOCLEDeiner Finger Druck hüllt mich ein
MYRTOCLEwie ein weicher Mantel beim Bad -
ARCESIUSMyrtocle -
Die beiden gehen langsam ins Haus.
Die Sonne steht sehr tief, geht während der letzten Szene ganz unter.
Abenddämmerung verbreitet sich. Eine Weile ist die Bühne leer.
Dann kommt ein Hirte über die Bühne, in schwarzem Mantel, mit Hirtenstab.
Er trägt ein weisses Lämmlein auf der Achsel und geht ganz langsam über die Bühne.
Die Musik gibt das Motiv der Parabel vom "Verlorenen Schäflein"
EINUNDZWANZIGSTE SZENEin der Erzählung der Maria von Magdala.
EINUNDZWANZIGSTE SZENE"Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schäflein gefunden, das verloren war!" usw.
EINUNDZWANZIGSTE SZENEDer Vorhang fällt langsam