Weidenwald

C. Ansorge

I

Ich sass mit Amor an des baches hang ·

Wir neigten uns zum wasser · er und ich ·

Er sprach kein wort und blickte nicht auf mich ·

Er rührte nur die laute wo erklang

Ein tiefes ding das ihn zu reden zwang.

Nur trafen unser beider augen sich

In niedrer welle · deren rauschen glich

Der teuren stimme und ich weinte bang.

Ich weinte und sein aug ward ihrem gleich ·

Mit seines fusses seiner flügel streich

Wischt er den tau durch den das herz mir schwoll.

Dann wurden dunkle kreise wallend haar ·

Als ich mich bückte bot den mund sie dar

Und volles küssen mir zur lippe quoll.

II

Und Amor sang: es war ein sang halblaut

Umstrickt von dingen die entwirrbar kaum ·

So wimmern seelen öd im todesraum

Wenn immer noch der neue tag nicht graut.

Dann hab ich eine dumpfe schar geschaut

Von wesen abseits -- eins an jedem baum ·

Sie alle Sie und ich in trübem traum ·

Die schatten unsrer tage ohne laut.

Sie sahn uns an -- gewiss: gekannt zu sein

Und wehe seelen waren drunten wo

Der unversöhnlich enge kuss entfloh.

In eigen-mitleid alle brechend schrein:

Ach einmal einmal einmal nur allein!

Und Amor sang noch und sein lied klang so:

III

Ihr all die ihr im weidenwalde schweift

Und schweift mit hohlem weissen antlitz sacht ·

Nach welchem einsam tiefen fall geschleift ·

In welcher langen lebenlangen nacht!

Eh wieder ihr · die ohne macht ihr streift

Nach lezter hoffnung -- die ihr ohne macht

Nach eurer unvergessnen speise greift ·

Eh euch · eh wiederum das licht euch lacht!

Ach bittre ränfte in dem weidenwald

Mit giftblatt bleich · mit blutkraut brennend rot!

Ach wenn ein solcher pfühl im leiden bald

Die seele betten würde bis sie tot --

Eh'r allzeit sie vergessen als dies ding ·

Dass sie sich fängt in dieser weiden ring.

IV

So klangs · und wie sich ros und rose müht

Eng zu verwachsen in des windes qual

Und so zu bleiben · bis zum späten strahl

Die blätter fallen wo der herzfleck glüht --

So war der kuss als der sang starb versprüht.

Sie sank ertränkt hinab und war so fahl --

Fahl wie ihr auge · ob mir je einmal

(Obs Amor weiss?) ein wiedersehen blüht!

Ich weiss nur das: ich beugte mich und trank

In tiefem zug das wasser wo sie sank

Und ihre hauche · tränen · all ihr sein.

Ich weiss: im beugen fühlt ich Amors haar

An meinem halse mitleidvoll · es war

Sein und mein haupt in seinem heiligenschein.