Ich kenn ein Mädchen

A. Mendelssohn

Ich kenne ein Mädchen, das schaute tief

In's Aug' einem lockigen Knaben,

Und ob sie wachte, und ob sie schlief,

Sie mochte in Armen ihn haben.

Sie sprach: Du nahmst mir dahin die Ruh,

Mein Haupt muß in Sorgen ich lehnen,

Denn alle mein Sinnen und Denken bist du

Und alle mein Träumen und Sehnen.

Ich kenn' auch den Knaben, er wuchs zum Mann,

Er spielet und singet zur Geigen,

Und ehe der lustige Sommer verrann,

Da wurde das Mägdlein sein eigen.

Sie sprach: Und wenn mich dein Arm umschlingt,

Und du drückst mich wieder und wieder,

So ist mir, als wenn seine Flügel schwingt

Ein Engel vom Himmel hernieder.

Wo über dem Bache die Weide hing,

Da ruhten sie auf dem Moose,

Da war es, wo er sie heiß umfing,

Eine blühende, glühende Rose.

Sie schmiegte sich an ihn mit zitterndem Leib

In der Liebe berauschenden Freuden,

Sie lachte, sie weinte, das selige Weib

Und wollt' ihm ihr Leben vergeuden. --

Verrathen die Liebe, gebrochen die Treu, --

Er ließ sie und gab sich aufs Wandern

Und pfeifet und fiedelt hinweg sich die Reu

Und küsset und koset mit Andern.

Verwelkt ist die Rose, entblättert, entlaubt,

Es riß sie der Sturm vom Gehege,

Zerknickt und zertreten, des Duftes beraubt,

So sah ich sie liegen am Wege.