Rosenblüthe

B. Ramann

Das Röslein gar verborgen

In seiner Knospe sitzt,

Der neue Frühlingsmorgen

Zum Kuß das Mäulchen spitzt;

Doch Röslein mag nichts wissen

Vom Blühen und vom Küssen.

Das Röslein sitzt gar spröde

In seinem engen Haus,

Der Mittag ist nicht blöde,

Strahlt Gluth und Flammen aus;

Doch Röslein mag nichts wissen

Vom Blühen und vom Küssen,

In seiner Zelle drinnen

Das Röslein heimlich steht,

Der Abend kommt zu minnen,

Der Abend weint und steht:

Ach, alle Blumen müssen

Am Ende blüh'n und küssen!

Das Röslein steht in Bangen,

Es steht in Liebesnoth,

Roth werden seine Wangen,

Vor Liebe purpurroth,

Und seine Lippen müssen

Zum ersten Male küssen.

Zum ersten Male blühen

Mit allererstem Kuß,

Zum ersten Male glühen

Das holde Röschen muß;

Denn alle Blumen müssen

Am Ende blüh'n und küssen.