Der Ilsenstein
B. Randhartinger
Auf dem hohen Ilsensteine
steht ein Jüngling bleich und schön;
träumend hat er von der Höhe
in das tiefe Tal geseh'n.
Wo die holde Ilse rauschet
in des Mondes Silberglanz,
hat der Jüngling still gelauschet,
und Entzücken fasst ihn ganz.
Sieht, wie in den Silberfluten
eine gold'ne Leier blinkt;
Welle mit den Saiten spielet,
und die holde Ilse singt:
„Komm herab vom hohen Steine,
holder Jüngling, komm herab!
Komm herab, ich bin die Deine,
holder Jüngling, komm herab!
Will dich sanft und ruhig betten,
leise weht mein Lied dir zu;
will mit Perlen dich bekränzen
und mit Blumen, schön wie du.
Meine Krone sei die deine,
die ich keinem je noch gab.
Komm herab vom hohen Steine,
holder Jüngling, komm herab!“
Alles still; die Töne gleiten
leise mit der Silberflut.
Da erfasst ihn süßes Beben,
da erstickt ihn süße Glut.
Eine Krone sieht er blinken,
zweier Augen tiefe Glut,
und zwei Arme sieht er winken -
und er stürzt sich in die Flut.
Und der Mond, der bleiche, blicket
schweigend in das kühle Grab;
eine Lilie sturmgeknicket
spielend trug der Fluss hinab.