Der gefangene Admiral

Benedikt Randhartinger

Sind heute dreiunddreißig Jahr,

Seit ich kein Segel sah,

Es steht der Turm unwandelbar,

Die Kett' ist ewig da.

Sie haben gemauert den Delphin,

In lichtlos Felsgestein

Und unerreichbar über ihn

Ein winzig Fensterlein.

Nicht daß ich fern von Licht und Tag,

Macht mir das Herz so schwer,

Als daß ich dich nicht zu schau'n vermag,

Mein heiliges blaues Meer!

Ich höre nicht, wie die Brandung rollt

Und keiner Möve Geschrill,

Und wenn die Kette nicht rasseln wollt',

So wär' es totenstill.

Sie bauten wol fern vom Meer den Turm,

Wo keine Woge prallt,

Kein Bootsmann pfeift und pfeift kein Sturm,

Kein Schuß den Sturm durchschallt.

Nicht daß man in schweigende Nacht mich warf,

Macht mir das Herz so schwer,

Als daß ich dich nicht hören darf,

Mein tiefaufdonnerndes Meer!

Mein greises Gebein ist schwer und leer,

Mein Leib wird nimmer heil,

Die Faust schwingt nimmer die Lunte mehr

Und nimmer das Enterbeil! -

Die große Flagge auf den Mast,

Die Breitseit' lasset seh'n,

Und Jungens, wen auf's Korn ihr faßt,

Der Teufel hole den! -

Nicht daß ich verwelkt in Haft und Bann,

Macht mir das Herz so schwer,

Als daß ich auf dir nicht fechten kann,

Mein kampferschüttertes Meer!

Nun drauf und dran geentert keck,

Und feuert noch einmal!

Ha!, Schiff an Schiff und Deck an Deck,

Und ich der Admiral!

O fiel' ich doch im Kugelgezisch!

Hier lieg' ich siech und wund,

Hinschmachtend wie im Sand ein Fisch

Und sterbend wie ein Hund.

Nicht daß ich sterbe Zoll um Zoll,

Macht mir das Herz so schwer,

Als daß ich auf dir nicht sterben soll,

Mein oft bezwungenes Meer.

Die Segel hängt das Schiff im Leid,

Ein schwarzes verwittwetes Weib,

Die Flagge deckt als Sterbekleid

Den toten Heldenleib.

Er sinkt ins Meer von der Spiegelwand,

Das bebt voll heiliger Scheu. -

Mich aber scharren sie in den Sand

Und schießen nicht einmal dabei!

Nicht daß mein Leben hier verrann,

Macht mir das Herz so schwer,

Als daß ich in dir nicht schlafen kann,

Du Heldengrab, mein Meer!