Wozzeck

Berg, Alban

SYSTEMERSTER AKT

Zimmer des Hauptmanns. Frühmorgens. Hauptmann auf einem Stuhl vor einem Spiegel. Wozzeck rasiert den Hauptmann.

HAUPTMANNLangsam, Wozzeck, langsam! Eins nach dem Andern!

unwillig

HAUPTMANNEr macht mir ganz schwindlich.

bedeckt Stirn und Augen mit der Hand. Wozzeck unterbricht seine Arbeit. Hauptmann wieder beruhigt

HAUPTMANNWas soll ich denn mit den zehn Minuten anfangen, die Er heut' zu früh fertig wird?

energischer

HAUPTMANNWozzeck, bedenk' Er, Er hat noch seine schönen dreissig Jahr' zu leben! Dreissig Jahre: macht dreihundert und sechzig Monate und erst wieviel Tage, Stunden, Minuten! Was will Er denn mit der ungeheuren Zeit all' anfangen?

wieder streng

HAUPTMANNTeil' Er sich ein, Wozzeck!

WOZZECKJawohl, Herr Hauptmann!

geheimnisvoll

HAUPTMANNEs wird mir ganz angst um die Weit, wenn ich an die Ewigkeit denk'. »Ewig«, das ist ewig! Das sieht Er ein. Nun ist es aber wieder nicht ewig, sondern ein Augenblick, ja, ein Augenblick! - Wozzeck, es schaudert mich, wenn ich denke, dass sich die Welt in einem Tag herumdreht: drum kann ich auch kein Mühlrad mehr sehn, oder ich werde melancholisch!

WOZZECKJawohl, Herr Hauptmann!

HAUPTMANNWozzeck, Er sieht immer so verhetzt aus! Ein guter Mensch tut das nicht. Ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat, tut alles langsam ... Red' Er doch was, Wozzeck. Was ist heut für ein Wetter?

WOZZECKSehr schlimm, Herr Hauptmann! Wind!

HAUPTMANNIch spür's schon, 's ist so was Geschwindes draussen; so ein Wind macht mir den Effekt, wie eine Maus.

pfiffig

HAUPTMANNIch glaub', wir haben so was aus Süd-Nord?

WOZZECKJawohl, Herr Hauptmann!

lacht lärmend

HAUPTMANNSüd-Nord!

lacht noch lärmender

HAUPTMANNOh, Er ist dumm, ganz abscheulich dumm!

gerührt

HAUPTMANNWozzeck, Er ist ein guter Mensch,

setzt sich in Positur

HAUPTMANNaber ... Er hat keine Moral!

mit viel Würde

HAUPTMANNMoral: das ist, wenn man moralisch ist! Versteht Er? Es ist ein gutes Wort.

mit Pathos

HAUPTMANNEr hat ein Kind ohne den Segen der Kirche ...

WOZZECKJawo ...

unterbricht sich

HAUPTMANN… wie unser hochwürdiger Herr Garnisonsprediger sagt: »Ohne den Segen der Kirche« - das Wort ist nicht von mir.

WOZZECKHerr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht d'rum ansehn, ob das Amen darüber gesagt ist, eh' er gemacht wurde. Der Herr sprach: »Lasset die Kleinen zu mir kommen!«

wütend aufspringend

HAUPTMANNWas sagt Er da?! Was ist das für eine kuriose Antwort? Er macht mich ganz konfusl Wenn ich sage: »Er«, so mein' ich »Ihn«, »Ihn« …

WOZZECKWir arme Leut! Sehn Sie, Herr Hauptmann, Geld, Geld! Wer kein Geld hat! Da setz' einmal einer Seinesgleichen auf die moralische Art in die Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut! Ja, wenn ich ein Herr wär', und hätt' einen Hut und eine Uhr und ein Augenglas und könnt' vornehm reden, ich wollte schon tugendhaft sein! Es muss was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl! Unsereins ist doch einmal unselig in dieser und der andern Welt! Ich glaub', wenn wir in den Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen!

etwas fassungslos

HAUPTMANNSchon gut, schon gut!

beschwichtigend

HAUPTMANNIch weiss: Er ist ein guter Mensch,

übertrieben

HAUPTMANNein guter Mensch.

etwas gefasster

HAUPTMANNAber Er denkt zu viel, das zehrt. Er sieht immer so verhetzt aus.

besorgt

HAUPTMANNDer Diskurs hat mich angegriffen. Geh' Er jetzt, und renn' Er nicht so! Geh' Er langsam die Strasse hinunter, genau in der Mitte, und nochmals, geh' Er langsam, hübsch langsam!

Wozzeck ab

Freies Feld, die Stadt in der Ferne. Spätnachmittag. Wozzeck und Andres schneiden Stöcke im Gebüsch.

WOZZECKDu, der Platz ist verflucht!

ANDRESAch was

singt vor sich hin

ANDRESDas ist die schöne Jägerei,

ANDRESSchiessen steht Jedem frei!

ANDRESDa möcht ich Jäger sein,

ANDRESDa möcht ich hin.

WOZZECKDer Platz ist verflucht! Siehst Du den lichten Streif da über das Gras hin, wo die Schwämme so nachwachsen? Da rollt Abends ein Kopf. Hob ihn einmal Einer auf, meint', es wär' ein Igel. Drei Tage und drei Nächte drauf, und er lag auf den Hobelspänen.

ANDRESEs wird finster, das macht Dir angst. Ei was!

hört mit der Arbeit auf, stellt sich in Positur und singt

ANDRESLäuft dort ein Has vorbei,

ANDRESFragt mich, ob ich Jäger sei?

ANDRESJäger bin ich auch schon gewesen,

ANDRESSchiessen kann ich aber nit!

WOZZECKStill, Andres! Das waren die Freimaurer! Ich hab's! Die Freimaurer! Still! Still!

ANDRESSassen dort zwei Hasen,

ANDRESFrassen ab das grüne Gras.

unterbricht den Gesang. Beide lauschen angestrengt. Dann selbst etwas beunruhigt; wie um Wozzeck und sich zu beruhigen

ANDRESSing lieber mit!

ANDRESFrassen ab das grüne Gras

ANDRESBis auf den Rasen…

stampft auf

WOZZECKHohl! Alles hohl! Ein Schlund! Es schwankt!

er taumelt

WOZZECKHörst Du, es wandert was mit uns da unten!

in höchster Angst

WOZZECKFort, fort!

hält Wozzeck zurück

ANDRESHe, bist Du toll?

bleibt stehn

WOZZECK's ist kurios still. Und schwül. Man möchte den Atem anhalten…

starrt in die Gegend

ANDRESWas?

Die Sonne ist im Begriff unterzugehen. Der letzte scharfe Strahl taucht den Horizont in das grellste Sonnenlicht, dem die wie tiefste Dunkelheit wirkende Dämmerung folgt.

WOZZECKEin Feuer! Ein Feuer! Das fährt von der Erde in den Himmel und ein Getös' herunter wie Posaunen. Wie's heranklirrt!

mit geheuchelter Gleichgültigkeit

ANDRESDie Sonn' ist unter, drinnen trommeln sie.

WOZZECKStill, alles still, als wäre die Welt tot.

ANDRESNacht! Wir müssen heim!

Beide gehen langsam ab.

und beginnende Militärmusik hinter der Szene

Mariens Stube. Abends. Die Militärmusik nähert sich. Marie mit ihrem Kinde am Arm beim Fenster.

MARIETschin Bum, Tschin Bum, Bum, Bum, Bum! Hörst Bub? Da kommen sie!

Die Militärmusik, mit dem Tambourmajor an der Spitze, gelangt in die Strasse vor Mariens Fenster.

auf der Strasse, sieht zum Fenster herein und spricht mit Marie

MARGRETWas ein Mann! Wie ein Baum!

spricht zum Fenster hinaus

Er steht auf seinen Füssen wie ein Löw'.

Der Tambourmajor grüsst herein. Marie winkt freundlich hinaus.

MARGRETEi was freundliche Augen, Frau Nachbarin! So was is man an ihr nit gewohnt!

singt vor sich hin

MARIESoldaten, Soldaten

MARIEsind schöne Burschen!

MARGRETIhre Augen glänzen ja!

MARIEUnd wenn! Was geht Sie's an? Trag' Sie ihre Augen zum Juden und lass Sie sie putzen: vielleicht glänzen sie auch noch, dass man sie für zwei Knöpf' verkaufen könnt'.

MARGRETWas Sie, Sie »Frau Jungfer«! Ich bin eine honette Person, aber Sie, das weiss Jeder, Sie guckt sieben Paar lederne Hosen durch!

schreit sie an

MARIELuder!

schlägt das Fenster zu. Die Militärmusik ist plötzlich, als Folge des zugeschlagenen Fensters, unhörbar geworden. Marie ist allein mit dem Kind.

MARIEKomm, mein Bub! Was die Leute wollen! Bist nur ein arm' Hurenkind und machst Deiner Mutter doch so viel Freud' mit Deinem unehrlichen Gesicht!

wiegt das Kind

MARIEEia popeia…

MARIEMädel, was fangst Du jetzt an?

MARIEHast ein klein Kind und kein Mann!

MARIEEi, was frag' ich darnach,

MARIESing' ich die ganze Nacht:

MARIEEia popeia, mein süsser Bu',

MARIEGibt mir kein Mensch nix dazu!

MARIEHansel, spann' Deine sechs Schimmel an,

MARIEGib sie zu fressen auf's neu,

MARIEKein Haber fresse sie,

MARIEKein Wasser saufe sie,

MARIELauter kühle Wein muss es sein!

Das Kind ist eingeschlafen.

MARIELauter kühle Wein muss es sein!

Marie in Gedanken versunken. Es klopft am Fenster. Marie fährt zusammen.

MARIEWer da?

aufspringend

MARIEBist Du's, Franz?

das Fenster öffnend

MARIEKomm herein!

WOZZECKKann nit! Muss in die Kasern'!

MARIEHast Stecken geschnitten für den Major?

WOZZECKJa, Marie. Ach ...

MARIEWas hast Du, Franz? Du siehst so verstört?

WOZZECKPst, still! Ich hab's heraus! Es war ein Gebild am Himmel, und Alles in Glut! Ich bin Vielem auf der Spur!

MARIEMann!

WOZZECKUnd jetzt Alles finster, finster… Marie, es war wieder was,

er überlegt

WOZZECKvielleicht…

geheimnisvoll

WOZZECKSteht nicht geschrieben: »Und sieh, es ging der Rauch auf vom Land, wie ein Rauch vom Ofen.«

MARIEFranz!

WOZZECKEs ist hinter mir hergegangen bis vor die Stadt.

in höchster Exaltation

WOZZECKWas soll das werden?!

ganz ratlos, versucht ihn zu beruhigen

MARIEFranz! Franz!

hält ihm den Buben hin

MARIEDein Bub!

geistesabwesend

WOZZECKMein Bub...

ohne ihn anzusehn

WOZZECKMein Bub… jetzt muss ich fort.

hastig ab

geht vom Fenster weg, allein mit dem Kind, betrachtet es schmerzlich

MARIEDer Mann! So vergeistert! Er hat sein Kind nicht angesehn! Er schnappt noch über mit den Gedanken! Was bist so still, Bub. Fürch'st Dich? Es wird so dunkel, man meint, man wird blind; sonst scheint doch die Lantern' herein!

ausbrechend

MARIEAch! Wir arme Leut. Ich halt's nit aus. Es schauert mich!

stürzt zur Tür

Studierstube des Doktors. Sonniger Nachmittag. Wozzeck tritt ein. Der Doktor eilt hastig Wozzeck entgegen.

DOKTORWas erleb' ich, Wozzeck? Ein Mann ein Wort? Ei, ei, ei!

WOZZECKWas denn, Herr Doktor?

DOKTORIch hab's geseh'n, Wozzeck, Er hat wieder gehustet, auf der Strasse gehustet, gebellt wie ein Hund! Geh' ich Ihm dafür alle Tage drei Groschen? Wozzeck! Das ist schlecht! Die Welt ist schlecht, sehr schlecht! Oh!

WOZZECKAber Herr Doktor, wenn einem die Natur kommt!

auffahrend

DOKTORDie Natur kommt! Die Natur kommt! Aberglaube, abscheulicher Aberglaube! Hab' ich nicht nachgewiesen, dass das Zwerchfell dem Willen unterworfen ist?

wieder auffahrend

DOKTORDie Natur, Wozzeck! Der Mensch ist frei! In dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit!

kopfschüttelnd, mehr zu sich

DOKTORHusten müssen!

wieder zu Wozzeck

DOKTORHat Er schon seine Bohnen gegessen, Wozzeck? Nichts als Bohnen, nichts als Hülsenfrüchte! Merk' Er sich's! Die nächste Woche fangen wir dann mit Schöpsenfleisch an. Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft:

an den Fingern aufzählend

DOKTOREiweiss, Fette, Kohlenhydrate; und zwar: Oxyaldehydanhydride…

plötzlich empört

DOKTORAber, Er hat wieder gehustet!

tritt auf Wozzeck zu; sich plötzlich beherrschend

DOKTORNein! Ich ärgere mich nicht, ärgern ist ungesund, ist unwissenschaftlich! Ich bin ganz ruhig, mein Puls hat seine gewöhnlichen Sechzig, behüt, wer wird sich über einen Menschen ärgern! Wenn es noch ein Molch wäre, der einem unpässlich wird.

wieder heftig

DOKTORAber, aber, Wozzeck, Er hätte doch nicht husten sollen!

den Doktor beschwichtigend

WOZZECKSeh'n Sie, Herr Doktor, manchmal hat man so 'nen Charakter, so 'ne Struktur; aber mit der Natur ist's was ander's.

knackt mit den Fingern

WOZZECKSeh'n Sie, mit der Natur… das ist so… wie soll ich denn sagen… zum Beispiel: Wenn die Natur…

DOKTORWozzeck, Er philosophiert wieder! Was? Wenn die Natur…

WOZZECKwenn die Natur aus ist, wenn die Welt so finster wird, dass man mit den Händen an ihr herumtappen muss, dass man meint, sie verrinnt wie Spinnengewebe. Ach, wenn was is und doch nicht is! Ach, Ach, Marie! Wenn Alles dunkel is, und

macht mit ausgestreckten Armen ein paar grosse Schritte durchs Zimmer

WOZZECKnur noch ein roter Schein im Westen, wie von einer Esse: an was soll man sich da halten?

DOKTORKerl, Er tastet mit seinen Füssen herum, wie mit Spinnenfüssen.

bleibt nahe beim Doktor stehen, vertraulich

WOZZECKHerr Doktor. Wenn die Sonne im Mittag steht, und es ist, als ging' die Welt in Feuer auf, hat schon eine fürchterliche Stimme zu mir geredet.

DOKTORWozzeck, Er hat eine Aberratio ...

unterbricht den Doktor

WOZZECKDie Schwämme! Haben Sie schon die Ringe von den Schwämmen am Boden gesehn? Linienkreise… Figuren… Wer das lesen könnte!

DOKTORWozzeck, Er kommt ins Narrenhaus. Er hat eine schöne fixe Idee, eine köstliche Aberratio mentalis partialis, zweite Spezies! Sehr schön ausgebildet! Wozzeck, Er kriegt noch mehr Zulage! Tut Er noch Alles wie sonst?: Rasiert seinen Hauptmann? Fängt fleissig Molche? Isst seine Bohnen?

WOZZECKImmer ordentlich, Herr Doktor; denn das Menagegeld kriegt das Weib: Darum tu' ich's ja!

DOKTOREr ist ein intressanter Fall, halt' Er sich nur brav! Wozzeck, Er kriegt noch einen Groschen mehr Zulage. Was muss Er aber tun? Was muss Er tun? Was?

ohne sich um den Doktor zu kümmern

WOZZECKAch, Marie!

DOKTORBohnen essen, dann Schöpsenfleisch essen, nicht husten, seinen Hauptmann rasieren, dazwischen die fixe Idee pflegen!

immer mehr in Ekstase geratend

DOKTOROh! meine Theorie! Oh mein Ruhm! Ich werde unsterblich! Unsterblich! Unsterblich!

in höchster Verzückung

DOKTORUnsterblich!

plötzlich wieder ganz sachlich, an Wozzeck herantretend

DOKTORWozzeck, zeig' Er mir jetzt die Zunge!

Wozzeck gehorcht.

Strasse vor Mariens Tür. Abenddämmerung.

steht bewundernd vor dem Tambourmajor

MARIEGeh einmal vor Dich hin .

Tambourmajor in Positur, macht einige Marschschritte

MARIEÜber die Brust wie ein Stier und ein Bart wie ein Löwe. So ist Keiner! Ich bin stolz vor allen Weibern!

TAMBOURMAJORWenn ich erst am Sonntag den grossen Federbusch hab', und die weissen Handschuh! Donnerwetter! Der Prinz sagt immer: »Mensch! Er ist ein Kerl!«

spöttisch

MARIEAch was!

tritt vor ihn hin. Bewundernd

MARIEMann!

TAMBOURMAJORUnd Du bist auch ein Weibsbild! Sapperment! Wir wollen eine Zucht von Tambourmajors anlegen. Was?!

er umfasst sie

MARIELass mich!

will sich losreissen. Sie ringen miteinander

TAMBOURMAJORWildesTier!

reisst sich los

MARIERühr mich nicht an!

richtet sich in ganzer Grösse auf und tritt nahe an Marie heran; eindringlich

TAMBOURMAJORSieht Dir der Teufel aus den Augen?!

er umfasst sie wieder, diesmal mit fast drohender Entschlossenheit

MARIEMeinetwegen, es ist Alles eins!

sie stürzt in seine Arme und verschwindet mit ihm in der offenen Haustür

SYSTEMZWEITER AKT

Mariens Stube. Vormittag, Sonnenschein. Marie, ihr Kind auf dem Schoss, hält ein Stückchen Spiegel in der Hand und besieht sich darin.

MARIEWas die Steine glänzen? Was sind's für weiche? Was hat er gesagt?

überlegt; zu ihrem Buben, der sich bewegt hat

MARIESchlaf, Bub! Drück die Augen zu ...

Das Kind versteckt die Augen hinter den Händen

MARIEFest. Noch fester! Bleib so!

Das Kind bewegt sich wieder

MARIEStill, oder er holt Dich!

MARIEMädel, mach's Lädel zu!

MARIE's kommt ein Zigeunerbu',

MARIEFührt Dich an seiner Hand

MARIEFort ins Zigeunerland.

Das Kind hat, in höchster Angst, seinen Kopf in den Falten des Kleides seiner Mutter verborgen, wo es ganz still hält. Marie besieht sich wieder im Spiegel

MARIE's ist gewiss Gold. Unsereins hat nur ein Eckchen in der Weit und ein Stückchen Spiegel.

ausbrechend

MARIEUnd doch hab' ich einen so roten Mund, als die grossen Madamen mit ihren Spiegeln von oben bis unten und ihren schönen Herrn, die ihnen die Hände küssen; aber ich bin nur ein armes Weibsbild!

Das Kind richtet sich auf; Marie ärgerlich

MARIEStill! Bub! Die Augen zu!

blinkt mit dem Spiegel

MARIEDas Schlafengelchen; wie's an der Wand läuft.

Das Kind gehorcht nicht; Marie fast zornig

MARIEMach die Augen zu! Oder es sieht Dir hinein, dass Du blind wirst ...

blinkt wieder mit dem Spiegel. - Wozzeck tritt herein, hinter Marie. Marie, die regungslos, wie das eingeschüchterte Kind, die Wirkung ihres Spiels mit dem Spiegel abwartet, sieht Wozzeck anfangs nicht. Plötzlich fährt sie auf, mit den Händen nach den Ohren.

WOZZECKWas hast da?

MARIENix!

WOZZECKUnter Deinen Fingern glänzt's ja.

MARIEEin Ohrringlein… hab's gefunden…

schaut das Ohrringlein prüfend an

WOZZECKIch hab so was noch nicht gefunden,

etwas drohend

WOZZECKzwei auf einmal.

MARIEBin ich ein schlecht Mensch?

beschwichtigend

WOZZECK's ist gut, Marie! 's ist gut

wendet sich zum Buben

WOZZECKWas der Bub immer schläft! Greif ihm unter's Ärmchen, der Stuhl drückt ihn. Die hellen Tropfen stehn ihm auf der Stirn ... Nichts als Arbeit unter der Sonne, sogar Schweiss im Schlaf. Wir arme Leut!

in ganz verändertem Ton

WOZZECKDa ist wieder Geld, Marie,

zählt es ihr in die Hand

WOZZECKdie Löhnung und was vom Hauptmann und vom Doktor.

MARIEGott vergelts, Franz.

WOZZECKIch muss fort, Marie ... Adies!

ab

allein

MARIEIch bin doch ein schlecht Mensch. Ich könnt mich erstechen. Ach! was Welt! Geht doch Alles zum Teufel: Mann und Weib und Kind!

Strasse in der Stadt. Tag. Der Hauptmann und der Doktor begegnen sich.

schon aus der Entfernung

HAUPTMANNWohin so eilig, geehrtester Herr Sargnagel?

sehr pressiert

DOKTORWohin so langsam, geehrtester Herr Exercizengel?

HAUPTMANNNehmen Sie sich Zeit

will den Doktor, der rasch weitergeht, einholen

DOKTORPressiert!

HAUPTMANNLaufen Sie nicht so! Uff!

schöpft tief und geräuschvoll Atem

HAUPTMANNLaufen Sie nicht! Ein guter Mensch geht nicht so schnell. Ein guter Mensch…

DOKTORPressiert, pressiert!

HAUPTMANNEin guter… Sie hetzen sich ja hinter dem Tod d'rein!

im Gehen etwas einhaltend, so dass ihn der Hauptmann einholt, ärgerlich

DOKTORIch kann meine Zeit nicht stehlen.

HAUPTMANNEin guter Mensch ...

DOKTORPressiert, pressiert, pressiert!

erwischt den Doktor einigemale am Rock

HAUPTMANNAber rennen Sie nicht so, Herr Sargnagel! Sie schleifen ja Ihre Beine auf dem Pflaster ab.

hält den Doktor endlich fest; zwischen den einzelnen Worten tief keuchend

HAUPTMANNErlauben Sie, dass ich ein Menschenleben

sich langsam beruhigend

HAUPTMANNrette

tiefer Atemzug

langsam weitergehend, entschliesst sich, dem Hauptmann Gehör zu schenken

DOKTORFrau, in vier Wochen tot!

bleibt wieder stehen, geheimnisvoll

DOKTORCancer uteri. Habe schon zwanzig solche Patienten gehabt

will weitergehen

DOKTORIn vier Wochen ...

HAUPTMANNDoktor, erschrecken Sie mich nicht! Es sind schon Leute am Schreck gestorben, am puren hellen Schreck!

DOKTORIn vier Wochen! Gibt ein intressantes Präparat.

HAUPTMANNOh, oh, oh!

ganz stehenbleibend, kaltblütig den Hauptmann prüfend

DOKTORUnd Sie selbst! Hm! Aufgedunsen, fett, dicker Hals, apoplektische Konstitution! Ja, Herr Hauptmann,

geheimnisvoll

DOKTORSie können eine Apoplexia cerebri kriegen; Sie können sie aber vielleicht nur auf der einen Seite bekommen. Ja! Sie können nur auf der einen Seite gelähmt werden,

wieder sehr geheimnisvoll

DOKTORoder im besten Fall nur unten!

stöhnend

HAUPTMANNUm Gottes…

überströmend, begeistert

DOKTORJa! Das sind so ungefähr Ihre Aussichten auf die nächsten vier Wochen! Übrigens kann ich Sie versichern, dass Sie einen von den interessanten Fällen abgeben werden, und wenn Gott will, dass ihre Zunge zum Teil gelähmt wird, so machen wir die unsterblichsten Experimente.

will mit rascher Wendung enteilen, Hauptmann langt schnell nach dem Doktor und hält ihn fest.

HAUPTMANNHalt, Doktor! Ich lasse Sie nicht! Sargnagel! Totenfreund! In vier Wochen?

schon ganz atemlos

HAUPTMANNEs sind schon Leute am puren Schreck ... Doktor!

hustet vor Aufregung und Anstrengung. Doktor klopft dem Hauptmann auf den Rücken, um ihm das Husten zu erleichtern, Hauptmann gerührt

HAUPTMANNIch sehe schon die Leute mit den Sacktüchern vor den Augen.

immer gerührter

HAUPTMANNAber sie werden sagen: »Er war ein guter Mensch, ein guter Mensch.«

Wozzeck geht rasch verbei, salutiert. Der Doktor, der peinlich berührt ist und abzulenken sucht, sieht Wozzeck

DOKTORHe, Wozzeck!

Wozzeck bleibt stehen

DOKTORWas hetzt Er sich so an uns vorbei?

Wozzeck salutiert und will wieder gehen

DOKTORBleib Er doch, Wozzeck!

Wozzeck bleibt schliesslich stehen und kommt langsam zurück.

wieder gefasst, zu Wozzeck

HAUPTMANNEr läuft ja wie ein offenes Rasiermesser durch die Weit, man schneidet sich an Ihm!

betrachtet Wozzeck näher, der stumm und ernst dasteht. Wendet sich daher - etwas beschämt - zum Doktor. Mit Anspielung auf dessen Vollbart

HAUPTMANNEr läuft, als hätt' er die Vollbärte aller Universitäten zu rasieren, und würde gehängt, so lang noch ein letztes Haar…

HAUPTMANNJa richtig,

pfeift

HAUPTMANNdie langen Bärte ... was wollte ich doch sagen?

nachsinnend, hie und da in Gedanken pfeifend

HAUPTMANNdie langen Bärte ...

zitierend

DOKTOR»Ein langer Bart unter dem Kinn« ... hm! … schon Plinius spricht davon.

Hauptmann kommt durch die Anspielung des Doktors darauf und schlägt sich auf die Stirn

DOKTORMan muss ihn den Soldaten abgewöhnen…

sehr bedeutsam

HAUPTMANNHa! Ich hab's ... die langen Bärte! Was ist's, Wozzeck?

Doktor hört von hier an belustigt dem Hauptmann zu und summt hie und da sein Thema, indem er mit seinem Spazierstock, gleich einem Tambourstab, den Takt dazu markiert

HAUPTMANNHat Er nicht ein Haar aus einem Bart in seiner Schüssel gefunden? Haha! Er versteht mich doch? Ein Haar von einem Menschen, vom Bart eines Sappeurs, oder eines Unteroffiziers, oder eines Tambourmajors.

DOKTORHe, Wozzeck? Aber Er hat doch ein braves Weib?

WOZZECKWas wollen Sie damit sagen, Herr Doktor, und Sie, Herr Hauptmann?!

HAUPTMANNWas der Kerl für ein Gesicht macht! Nun! Wenn auch nicht grad in der Suppe, aber wenn Er sich eilt und um die Ecke läuft, so kann Er vielleicht noch auf einem Paar Lippen eins finden! Ein Haar nämlich! Übrigens, ein Paar Lippen! Oh, ich habe auch einmal die Liebe gefühlt! - Aber, Kerl, Er ist ja kreideweiss!

WOZZECKHerr Hauptmann, ich bin ein armer Teufel! Hab' sonst nichts auf dieser Welt! Herr Hauptmann, wenn Sie Spass machen ...

auffahrend

HAUPTMANNSpass? Ich? Dass Dich der …

WOZZECKHerr Hauptmann, die Erd' ist Manchem höllenheiss ...

HAUPTMANNSpass, Kerl? will Er sich erschiessen?

WOZZECK... die Hölle ist kalt dagegen.

DOKTORDen Puls, Wozzeck!

ergreift Wozzecks Puls

DOKTORKlein … hart … arhythmisch.

HAUPTMANNEr sticht mich ja mit seinen Augen!

WOZZECKHerr Hauptmann ...

entreisst seine Hand dem Doktor

HAUPTMANNIch mein's gut mit Ihm, weil Er ein guter Mensch ist ...

vor sich hin, aber mit Steigerung

WOZZECKEs ist viel möglich ...

betrachtet Wozzeck prüfend

DOKTORGesichtsmuskeIn starr, gespannt, Augen stier.

gerührt

HAUPTMANN... Wozzeck, ein guter Mensch ...

WOZZECKDer Mensch ... es ist viel möglich ... Gott im Himmel! Man könnte Lust bekommen, sich aufzuhängen! Dann wüsste man, woran man ist!

stürzt, ohne zu grüssen, davon

blickt Wozzeck betreten nach

HAUPTMANNWie der Kerl läuft und sein Schatten hinterdrein!

DOKTOREr ist ein Phänomen, dieser Wozzeck!

HAUPTMANNMir wird ganz schwindlich vor dem Menschen! Und wie verzweifelt! Das hab' ich nicht gern! Ein guter Mensch ist dankbar gegen Gott; ein guter Mensch hat auch keine Courage!

mit Beziehung auf Wozzeck

HAUPTMANNNur ein Hundsfott hat Courage!

schliesst sich dem Doktor an, der einen neuen Gefühlsausbruch befürchtet und sich bei diesem Wort des Hauptmanns, als besänne er sich der Eile zu Anfang der Szene, in Bewegung setzt. Hauptmann schon in Abgehen

HAUPTMANNNur ein Hundsfott! ...

hinter der Szene

HAUPTMANNHundsfott ...

HAUPTMANNVerwandlung - Überleitende Takte und Kammerorchester-Einleitung

Strasse vor Mariens Wohnungstür. Trüber Tag. Marie steht vor ihrer Tür. Wozzeck kommt auf dem Gehsteig rasch auf sie zu.

MARIEGuten Tag, Franz.

sieht sie starr an und schüttelt den Kopf

WOZZECKIch seh' nichts, ich seh' nichts. O, man müsst's seh'n, man müsst's greifen können mit den Fäusten!

MARIEWas hast, Franz?

WOZZECKBist Du's noch, Marie?! Eine Sünde, so dick und breit. Das müsst' stinken, dass man die Engel zum Himmel hinausräuchern könnt'. Aber Du hast einen roten Mund, einen roten Mund ... keine Blase drauf?

MARIEDu bist hirnwütig, Franz, ich fürcht' mich ...

WOZZECKDu bist schön »wie die Sünde«. Aber kann die Todsünde so schön sein, Marie?

zeigt plötzlich auf eine Stelle vor der Tür, auffahrend

WOZZECKDa! Hat er da gestanden,

in Positur

WOZZECKso, so?

MARIEIch kann den Leuten die Gasse nicht verbieten.

WOZZECKTeufel! Hat er da gestanden?

MARIEDieweil der Tag lang und die Weit alt ist, können viele Menschen an einem Platze stehn, einer nach dem andern.

WOZZECKIch hab ihn gesehn!

MARIEMan kann viel sehn, wenn man zwei Augen hat und wenn man nicht blind ist und wenn die Sonne scheint.

der sich immer weniger beherrschen kann, ausbrechend

WOZZECKDu bei ihm!

MARIEUnd wenn auch!

geht auf sie los, schreien

WOZZECKMensch!

MARIERühr' mich nicht an!

Wozzeck lässt langsam die erhobene Hand sinken

MARIELieber ein Messer in den Leib, als eine Hand auf mich. Mein Vater hat's nicht gewagt, wie ich zehn Jahr alt war ...

ins Haus ab

sieht ihr starr nach

WOZZECK»Lieber ein Messer« ...

scheu flüsternd

WOZZECKDer Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt Einem, wenn man hinunterschaut

im Abgehen

WOZZECKmich schwindelt ...

WOZZECKVerwandlung - Überleitende Takte und Orchester-Vorspiel (Ländler)

Wirtshausgarten. Spät abends. Die Wirtshausmusik auf der Bühne beendet soeben den Ländler des Orchester-Vorspiels. Burschen, Soldaten und Mägde auf dem Tanzboden, teils tanzend, teil zusehend.

ERSTER HANDWERKSBURSCHEIch hab' ein Hemdlein an, das ist nicht mein,

ZWEITER HANDWERKSBURSCHEDas ist nicht mein ...

ERSTER HANDWERKSBURSCHEUnd meine Seele stinkt nach Branntewein.

Die Burschen, Soldaten und Mägde verlassen gemächlich den Tanzboden und sammeln sich in Gruppen. Eine Gruppe um die zwei betrunkenen Handwerksburschen.

ERSTER HANDWERKSBURSCHEMeine Seele, meine unsterbliche Seele, stinket nach Branntewein! Sie stinket, und ich weiss nicht, warum? Warum ist die Welt so traurig? Selbst das Geld geht in Verwesung über!

ZWEITER HANDWERKSBURSCHEVergiss mein nicht! Bruder! Freundschaft!

umarmt ihn

ZWEITER HANDWERKSBURSCHEWarum ist die Welt so schön! Ich wollt', unsre Nasen wären zwei Bouteillen, und wir könnten sie uns einander in den Hals giessen. Die ganze Welt ist rosenrot! Branntwein, das ist mein Leben!

ERSTER HANDWERKSBURSCHEMeine Seele, meine unsterbliche Seele stinket. Oh! Das ist traurig, traurig, traurig, trau-

schläft ein

Burschen, Soldaten und Mägde begeben sich wieder auf den Tanzboden und beginnen zu tanzen. Unter ihnen Marie und der Tambourmajor. Wozzeck tritt hastig auf, sieht Marie, die mit dem Tarnbourmajor vorbeitanzt.

WOZZECKEr! Sie! Teufel!

im Vorbeitanzen

MARIEImmerzu, immerzu!

WOZZECKImmer zu, immer zu!«

sinkt auf eine Bank in der Nähe des Tanzbodens. Vor sich hin

WOZZECKDreht Euch! Wälzt Euch! Warum löscht Gott die Sonne nicht aus? ... Alles wälzt sich in Unzucht übereinander: Mann und Weib, Mensch und Vieh!

sieht wieder auf den Tanzboden hin

WOZZECKWeib! Weib! Das Weib ist heiss! ist heiss! heiss!

fährt heftig auf

WOZZECKWie er an ihr herumgreift! An ihrem Leib! Und sie lacht dazu!

MARIEImmer zu! Immer zu!

gerät in immer grössere Aufregung

WOZZECKVerdammt!

kann schliesslich nicht mehr an sich halten und will auf den Tanzboden stürzen

WOZZECKIch ...

unterlässt es aber, da der Tanz beendet ist. Er setzt sich wieder.

SOLDATENEin Jäger aus der Pfalz

SOLDATENRitt einst durch einen grünen Wald!

SOLDATENHalli, Hallo, Halli, Hallo!

SOLDATENJa lustig ist die Jägerei,

SOLDATENAllhie auf grüner

SOLDATENHaid! Halli, Hallo! Halli, Hallo!

die Gitarre ergreifend, spielt sich als Dirigent des Chores auf und gibt ein Ritardando, so dass er in den verklingenden Akkord des Chores einsetzen kann, leiernd

ANDRESO Tochter, liebe Tochter,

ANDRESWas hast Du gedenkt,

ANDRESDass Du Dich an die Kutscher

ANDRESUnd die Fuhrknecht hast gehängt?

ANDRESHallo!

SOLDATENJa lustig ist die Jägerei,

SOLDATENAllhie auf grüner Haid!

SOLDATENHalli, Hallo! Halli, Hallo!

ANDRESHallo!

gibt die Gitarre dem Spieler von der Wirtshausmusik zurück und wendet sich zum Wozzeck

WOZZECKWieviel Uhr?

ANDRESElf Uhr!

WOZZECKSo? Ich meint', es müsst später sein! Die Zeit wird Einem lang bei der Kurzweil ...

ANDRESWas sitzest Du da vor der Tür?

WOZZECKIch sitz' gut da. Es sind manche Leut' nah an der Tür und wissen's nicht, bis man sie zur Tür hinausträgt, die Füss' voran!

ANDRESDu sitzest hart.

WOZZECKGut sitz' ich, und im kühlen Grab, da lieg' ich dann noch besser ...

ANDRESBist besoffen?

WOZZECKNein, leider, bring's nit z'sam,

Andres, gelangweilt und mit den Gedanken schon mehr beim Tanz, wendet sich pfeifend von Wozzeck ab. Der erste Handwerksbursche, der inzwischen aufgewacht ist, steigt auf einen Tisch und beginnt, von der Wirtshausmusik auf der Bühne melodramatisch begleitet, zu predigen.

ERSTER HANDWERKSBURSCHEJedoch, wenn ein Wanderer, der gelehnt steht an dem Strom der Zeit, oder aber sich die göttliche Weisheit vergegenwärtigt und fraget: Warum ist der Mensch?

mit Pathos

ERSTER HANDWERKSBURSCHEAber wahrlich, geliebte Zuhörer, ich sage Euch:

verzückt

ERSTER HANDWERKSBURSCHEEs ist gut so! Denn von was hätten der Landmann, der Fassbinder, der Schneider, der Arzt leben sollen, wenn Gott den Menschen nicht geschaffen hätte? Von was hätte der Schneider leben sollen, wenn Er nicht dem Menschen die Empfindung der Schamhaftigkeit eingepflanzt hätte? Von was der Soldat und der Wirt, wenn Er ihn nicht mit dem Bedürfnis des Totschiessens und der Feuchtigkeit ausgerüstet hätte? Darum, Geliebteste, zweifelt nicht; denn es ist Alles lieblich und fein ... Aber alles Irdische ist eitel; selbst das Geld geht in Verwesung über ... Und meine Seele stinkt nach Branntewein.

Allgemeines Gejohle! Der Redner wird umringt und von einem Teil der Burschen abgeführt. Die Übrigen begeben sich singend teils zum Tanzboden, teils zu den Tischen im Hintergrund.

SOLDATENJa lustig ist die Jägerei,

ANDRESO Tochter, liebe Tochter!

Der Narr taucht plötzlich auf und nähert sich Wozzeck, der, teilnahmslos an den Vorgängen, auf der Bank vorn gesessen hat. Der Narr drängt sich an Wozzeck heran. Die Instrumentalisten der Wirtshausmusik beginnen ihre Instrumente zu stimmen.

DER NARRLustig, lustig ...

Wozzeck beachtet den Narren anfangs nicht.

DER NARR... aber es riecht …

WOZZECKNarr, was willst Du?

DER NARRIch riech, ich riech Blut!

WOZZECKBlut? ... Blut, Blut!

Die Burschen, Mägde und Soldaten, unter ihnen Marie und der Tambourrnajor, beginnen wieder zu tanzen.

WOZZECKMir wird rot vor den Augen. Mir ist, als wälzten sie sich alle übereinander ...

Wachstube in der Kaserne. Nachts. Wortloster Chor der schlafenden Soldaten, anfangs bei geschlossenem Vorhang. Andres liegt mit Wozzeck auf einer Pritsche und schläft.

stöhnt im Schlaf

WOZZECKOh! oh!

auffahrend

WOZZECKAndres! Ich kann nicht schlafen.

Bei den Worten Wozzecks werden die schlafenden Soldaten unruhig, ohne aber aufzuwachen.

WOZZECKWenn ich die Augen zumach', dann seh' ich sie doch immer, und ich hör' die Geigen immerzu, immerzu. Und dann spricht's aus der Wand heraus ... Hörst Du nix, Andres? Wie das geigt und springt?

ANDRESLass sie tanzen!

WOZZECKUnd dazwischen blitzt es immer vor den Augen wie ein Messer, wie ein breites Messer!

ANDRESSchlaf, Narr!

WOZZECKMein Herr und Gott,

betet

WOZZECK»und führe uns nicht in Versuchung, Amen!«

Wortloser Gesang der schlafenden Soldaten

poltert, stark angeheitert, herein

TAMBOURMAJORIch bin ein Mann! Ich hab' ein Weibsbild, ich sag' Ihm, ein Weibsbild! Zur Zucht von Tarnbourmajors! Ein Busen und Schenkel! und alles fest. Die Augen wie glühende Kohlen. Kurzum ein Weibsbild, ich sag' Ihm ...

ANDRESHe! Wer ist es denn?

TAMBOURMAJORFrag' Er den Wozzeck da!

zieht eine Schnapsflasche aus der Tasche, trinkt daraus und hält sie dem Wozzeck hin

TAMBOURMAJORDa, Kerl, sauf'! Ich wollt', die Welt wär Schnaps, Schnaps, der Mann muss saufen!

trinkt wieder

TAMBOURMAJORSauf', Kerl, sauf'!

Wozzeck blickt weg und pfeift.

schreiend

TAMBOURMAJORKerl, soll ich Dir die Zung' aus dem Hals zieh'n und sie Dir um den Leib wickeln?

Sie ringen miteinander. Wozzeck unterliegt. Der Tambourmajor würgt den am Boden liegenden Wozzeck

TAMBOURMAJORSoll ich Dir noch so viel Atem lassen, als ein Altweiberfurz?

über Wozzeck gebeugt

TAMBOURMAJORSoll ich ...

Wozzeck sinkt erschöpft um. Der Tambourmajor lässt von Wozzeck ab, richtet sich auf und zieht die Schnapsflasche aus der Tasche

TAMBOURMAJORJetzt soll der Kerl pfeifen!

trinkt wieder

TAMBOURMAJORDunkelblau soll er sich pfeifen!

pfeift dieselbe Melodie wie früher Wozzeck, triumphierend

TAMBOURMAJORWas bin ich für ein Mann!

wendet sich zum Fortgehen und poltert zur Tür hinaus. Wozzeck hat sich indessen langsam erhoben und auf seine Pritsche gesetzt.

auf Wozzeck deutend

EIN SOLDATDer hat sein Fett!

legt sich um und schläft ein

ANDRESEr blut' . . .

legt sich um und schläft ein

WOZZECKEiner nach dem Andern!

Wozzeck bleibt sitzen und starrt vor sich hin. Die anderen Soldaten, die sich währened des Ringkampfes etwas aufgerichtet hatten, haben sich nach dem Abgang des Tambourmajors niedergelegt und schlafen nunmehr alle wieder.

SYSTEMDRITTER AKT

Mariens Stube. Es ist Nacht. Kerzenlicht. Marie sitzt am Tisch, blättert in der Bibel; das Kind in der Nähe. Sie liest in der Bibel

MARIEUnd ist kein Betrug in seinem Munde erfunden worden« ... Herr-Gott! Herr-Gott! Sieh' mich nicht an!

blättert weiter

MARIE»Aber die Pharisäer brachten ein Weib zu ihm, so im Ehebruch lebte. Jesus aber sprach: "So verdamme ich dich auch nicht, geh' hin, und sündige hinfort nicht mehr." « Herr-Gott!

schlägt die Hände vors Gesicht. Das Kind drängt sich an Marie.

MARIEDer Bub' gibt mir einen Stich in's Herz. Fort!

stösst das Kind von sich

MARIEDas brüst' sich in der Sonne!

plötzlich milder

MARIENein, komm, komm her!

zieht das Kind an sich

MARIEKomm zu mir! »Es war einmal ein armes Kind und hatt' keinen Vater und keine Mutter ... war Alles tot und war Niemand auf der Welt, und es hat gehungert und geweint Tag und Nacht. Und weil es Niemand mehr hatt' auf der Welt ... « Der Franz ist nit kommen, gestern nit, heut' nit ...

blättert hastig in der Bibel

MARIEWie steht es geschrieben von der Magdalena? . . . »Und kniete hin zu seinen Füssen und weinte und küsste seine Füsse und netzte sie mit Tränen und salbte sie mit Salben.«

schlägt sich auf die Brust

MARIEHeiland! Ich möchte Dir die Füsse salben! Heiland! Du hast Dich ihrer erbarmt, erbarme Dich auch meiner!

Waldweg am Teich. Es dunkelt. Marie kommt mit Wozzeck von rechts.

MARIEDort links geht's in die Stadt. 's ist noch weit. Komm schneller!

WOZZECKDu sollst dableiben, Marie. Komm, setz' Dich.

MARIEAber ich muss fort.

WOZZECKKomm.

sie setzen sich

WOZZECKBist weit gegangen, Marie. Sollst Dir die Füsse nicht mehr wund laufen. 's ist still hier! Und so dunkel. - Weisst noch, Marie, wie lang' es jetzt ist, dass wir uns kennen?

MARIEZu Pfingsten drei Jahre.

WOZZECKUnd was meinst, wie lang' es noch dauern wird?

springt auf

MARIEIch muss fort.

WOZZECKFürchst Dich, Marie? Und bist doch fromm?

lacht

WOZZECKUnd gut! Und treu!

zieht sich wieder auf den Sitz; neigt sich, wieder ernst, zu Marie

WOZZECKWas Du für süsse Lippen hast, Marie!

küsst sie

WOZZECKDen Himmel gäb' ich drum und die Seligkeit, wenn ich Dich noch oft so küssen dürft! Aber ich darf nicht! Was zitterst?

MARIEDer Nachttau fällt.

flüstert vor sich hin

WOZZECKWer kalt ist, den friert nicht mehr! Dich wird beim Morgentau nicht frieren.

MARIEWas sagst Du da?

WOZZECKNix.

Langes Schweigen. Der Mond geht auf.

MARIEWie der Mond rot aufgeht!

WOZZECKWie ein blutig Eisen!

zieht ein Messer

MARIEWas zitterst?

springt auf

MARIEWas willst?

WOZZECKIch nicht, Marie! Und kein Andrer auch nicht!

packt sie an und stösst ihr das Messer in den Hals

MARIEHilfe!

sinkt nieder. Wozzeck beugt sich über sie. Marie stirbt.

WOZZECKTot!

richtet sich scheu auf und stürzt geräuschlos davon

WOZZECKVerwandlung - Orchester-Uberleitung (H)

Eine Schenke. Nacht. Schwaches Licht. Dirnen, unter ihnen Margret, und Burschen tanzen eine wilde Schnellpolka. Wozzeck sitzt an einem der Tische.

WOZZECKTanzt Alle; tanzt nur zu, springt, schwitzt und stinkt, es holt Euch doch noch einmal der Teufel!

stürzt ein Glas Wein hinunter; den Klavierspieler überschreiend

WOZZECKEs ritten drei Reiter wohl an den Rhein,

WOZZECKBei einer Frau Wirtin da kehrten sie ein.

WOZZECKMein Wein ist gut, mein Bier ist klar,

WOZZECKMein Töchterlein liegt auf der . . .

WOZZECKVerdammt!

springt auf

WOZZECKKomm, Margret!

tanzt mit Margret ein paar Sprünge. Bleibt plötzlich stehen

WOZZECKKomm, setz Dich her, Margret!

führt sie an seinen Tisch und zieht sie auf seinen Schoss nieder

WOZZECKMargret, Du bist so heiss

drückt sie an sich; lässt sie los

WOZZECKWart nur, wirst auch kalt werden! Kannst nicht singen?

vom Klavierspieler auf der Bühne begleitet, singt

MARGRETIn's Schwabenland, da mag ich nit,

MARGRETUnd lange Kleider trag ich nit,

MARGRETDenn lange Kleider, spitze Schuh,

MARGRETDie kommen keiner Dienstmagd zu.

auffahrend

WOZZECKNein! keine Schuh, man kann auch blossfüssig in die Höll' geh'n! Ich möcht heut raufen, raufen ...

MARGRETAber was hast Du an der Hand?

WOZZECKIch? Ich?

MARGRETRot! Blut!

WOZZECKBlut? Blut?

Es stellen sich Leute um sie.

MARGRETFreilich ... Blut!

WOZZECKIch glaub', ich hab' mich geschnitten, da an der rechten Hand ...

MARGRETWie kommt's denn zum Ellenbogen?

WOZZECKIch hab's daran abgewischt.

BURSCHENMit der rechten Hand am rechten Arm?

WOZZECKWas wollt Ihr? Was geht's Euch an?

MARGRETPuh! Puh! Da stinkt's nach Menschenblut!

WOZZECKBin ich ein Mörder?

BURSCHENBlut, Blut, Blut, Blut!

DIRNENFreilich, da stinkt's nach Menschenblut!

WOZZECKPlatz! oder es geht wer zum Teufel!

stürzt hinaus

Waldweg am Teich. Mondnacht wie vorher. Wozzeck kommt schnell herangewankt. Bleibt suchend stehen.

WOZZECKDas Messer? Wo ist das Messer? Ich hab's dagelassen ... Näher, noch näher. Mir graut's! Da regt sich was. Still! Alles still und tot ... Mörder! Mörder! Ha! Da ruft's. Nein, ich selbst.

wankt suchend ein paar Schritte weiter und stösst auf die Leiche

WOZZECKMarie! Marie! Was hast Du für eine rote Schnur um den Hals? Hast Dir das rote Halsband verdient, wie die Ohrringlein, mit Deiner Sünde! Was hängen Dir die schwarzen Haare so wild? Mörder! Mörder! Sie werden nach mir suchen ... Das Messer verrät mich!

sucht fieberhaft

WOZZECKDa, da ist's

am Teich

WOZZECKSo! Da hinunter

wirft das Messer hinein

WOZZECKEs taucht ins dunkle Wasser wie ein Stein.

Der Mond bricht blutrot hinter den Wolken hervor. Wozzeck blickt auf

WOZZECKAber der Mond verrät mich ... der Mond ist blutig. Will denn die ganze Welt es ausplaudern?! - Das Messer, es liegt zu weit vorn, sie finden's beim Baden oder wenn sie nach Muscheln tauchen.

geht in den Teich hinein

WOZZECKIch find's nicht ... Aber ich muss mich waschen. Ich bin blutig. Da ein Fleck. . . und noch einer. Weh! Weh! ich wasche mich mit Blut! Das Wasser ist Blut ... Blut ...

Er ertrinkt.

Der Doktor tritt auf, der Hauptmann folgt ihm.

HAUPTMANNHalt!

bleibt stehen

DOKTORHören Sie? Dort!

HAUPTMANNJesus! Das war ein Ton.

bleibt ebenfalls stehen

auf den Teich zeigend

DOKTORJa, dort!.

HAUPTMANNEs ist das Wasser im Teich. Das Wasser ruft. Es ist schon lange Niemand ertrunken. Kommen Sie, Doktor! Es ist nicht gut zu hören.

will den Doktor mit sich ziehen

bleibt aber stehen und lauscht

DOKTORDas stöhnt als stürbe ein Mensch. Da ertrinkt jemand!

HAUPTMANNUnheimlich! Der Mond rot und die Nebel grau. Hören Sie? jetzt wieder das Ächzen.

DOKTORStiller.... jetzt ganz still.

HAUPTMANNKommen Sie! Kommen Sie schnell.

zieht den Doktor mit sich

HAUPTMANNVerwandlung - Orchester-Epilog: Invention über eine Tonart

Strasse vor Mariens Tür. Heller Morgen. Sonnenschein. Kinder spielen und lärmen. Mariens Knabe auf einem Steckenpferd reitend.

DIE SPIELENDEN KINDERRingel, Ringel, Rosenkranz, Ringelreih'n!

DIE SPIELENDEN KINDERRingel, Ringel, Rosenkranz, Rin ...

unterbrechen Gesang und Spiel, andere Kinder stürmen herein

EINS VON IHNENDu Käthe! . . . Die Marie ...

ZWEITES KINDWas is?

ERSTES KINDWeisst' es nit? Sie sind schon Alle 'naus.

zu Mariens Knaben

DRITTES KINDDu! Dein Mutter ist tot!

immer reitend

MARIENS KNABEHopp, hopp! Hopp, hopp! Hopp, hopp!

ZWEITES KINDWo is sie denn?

ERSTES KINDDrauss' liegt sie, am Weg, neben dem Teich.

DRITTES KINDKommt, anschaun!

Alle Kinder laufen davon.

reitet

MARIENS KNABEHopp, hopp! Hopp, hopp! Hopp, hopp!

zögert einen Augenblick und reitet dann den anderen Kindern nach.