Der Traum

C. Hauer

Ich sah die Geliebte im Traume,

Schön wie sie einstmals war,

Die holden, süßen Züge

Umwallt von goldnen Haar.

Ihr Auge blickte so müde,

Wie sonst im Leben nie,

Und um sie webt' und klang es

Wie Himmelsmelodie.

Ich sprach: Du bist schon lange

Des finstren Todes Raub,

Und längst schon ist zerfallen

Dein holder Leib in Staub.

Was treibt dich aus dem Grabe

Im bleichen Mondenlicht?

Der Liebe Zaube nimmer --

Du liebtest mich ja nicht!

Sie sprach: "Aus jenen Räumen

Zieht mir dein stummer Schmerz,

Und kalt im Leben, neigt sich

Im Tode dir mein Herz.

Bald trocknen diese Thränen,

Die jetzt dein Auge weint;

Bald wird die Stunde nahen,

Die uns auf ewig eint."

Und ihre Lippen hauchen

In leisem Kuß mir zu.

In meinen kranken Busen

Zog süße Himmelsruh.

Ich fuhr empor -- Entschwunden

War schnell mein Traumgesicht.

Hell blickte durch das Fenster

Des Mondes bleiches Licht.

Und Tage und Monde und Jahre

Vergehn -- ich merk' es kaum.

Still hoffend träum' ich noch immer

Den alten, süßen Traum.