Es wehen die Lüfte
C. Israël
Es wehen die Lüfte
Erquickung und Ruh',
Es hauchen die Düfte
Balsamisch mir zu;
Durch grünende Zweige
Glänzt Luna's Gesicht,
Es schimmert das bleiche
Bezaubernde Licht.
Im Blumengefilde
Am kühlenden Quell,
Da strahlt das Gebilde
Der Dichtung so hell;
Es schwebt der Gedanke
Geflügelt empor,
Und bricht durch die Schranke
Der Zeiten empor.
Wer leitet den Knaben
Zum fröhlichen Spiel?
Wer schenket ihm Gaben
Der Wonne so viel?
Wer schützet die Pflanze
Wenn Kühlungen wehn,
Und läßt sie im Tanze
Der Horen erstehn?
Wer treibet die Kräfte
Des Mannes zur That,
Wie nährende Säfte
Zum Wachsthum die Saat?
Wer hilft ihm bekämpfen
Die Welt und sein Herz,
Die Leidenschaft dämpfen,
Ertragen den Schmerz?
Wer leitet am Stabe,
Im lochtichten Weiß,
Zum ruhigen Grabe
Den zitternden Greis?
Wer reicht ihm die Frieden
Nach Kummer und Last,
Dem duldenden Müden
Erquickende Rast?
Wer führet den Schwachen
Auf glücklicher Bahn,
Im schwebenden Nachen
Zum Ziele hinan?
Wer hellet das Dunkel
Der kommenden Zeit,
Mit Sternengefunkel,
Der Nächte Geleit?
Wer läßt uns die Stunden
Der Gegenwart sehn,
Mit Kränzen umwunden,
So duftend und schön?
Wer schlingt um die Herzen
Ein trauliches Band?
Wer lindet die Schmerzen
Mit heilender Hand?
Wer führet die Wonne
Im rosigen Schein,
Wie scheidend die Sonne
Bestrahlet den Hain,
Noch einmal dem Auge
Aus fernem Gebild,
Mit geistigem Hauche
Herüber im Bild? --
Ein Genius leitet
Der Menschen Geschick,
Und Segen verbreitet
Sein freundlicher Blick;
Er hauchet mit Leben
Die Schöpfungen an,
Die Welten entschweben
Auf ewiger Bahn.
Der Genius Liebe
Durchwallt die Natur;
Im heiligen Triebe
Erforsch' ich die Spur.
Ich höre sein Wehen,
Wenn's Morgenroth glänzt,
In Thäler, auf Höhen,
Mit Blumen bekränzt.
Ich höre sein Rauschen
Im Dämmerungschein,
Voll Ahnungen lauschen
Die Flur und der Hain.
Zu rührender Feier
Voll himmlischer Lust
Erhebet sich freier
Die fühlende Brust!