Der Geist von anno elf

C. Kuntze

Beim Lindenwirth im Keller ruht

Ein großes Faß voll Traubenblut,

Gekeltert Anno Elf;

Und in dem staub'gen Fasse kreist

Dem Lindenwirth sein böser Geist,

Der Geist von Anno Elf.

Der Lindenwirth nach Schänkerbrauch,

Trägt einen wohlgenährten Bauch,

Ein Näslein rosigroth;

Und manchmal hat er's ausgeschwatzt,

Daß ihm das Näslein roth gekratzt

Der Geist von Anno Elf.

Wenn nachts der Zeiger zwölf erreicht,

Mit einem großen Kruge schleicht

Der dicke Lindenwirth

Hinab zum Keller, wo er still

Und unbeschrieen fangen will

Den Geist von Anno Elf.

Am Fasse klopft er dreimal an

Und öffnet leise dann der Hahn

Und füllt den Krug und trinkt

Fünf mal; da schießt der Geist hervor

Und wirft den Lindenwirth aufs Ohr,

Der Geist von Anno Elf.

Da liegt er schnarchend, bis ihn früh

Der Hausknecht polternd und mit Müh'

Wohl aus dem Keller schleppt;

Dann fängt er laut zu schelten an:

Das hat der Geist mir angethan,

Der Geist von Anno Elf.

So trieb er's schon seit Jahr und Tag!

An einem schönen Morgen lag

Der dicke Lindenwirth

Im Keller tot; das Faß war leer,

Kein Mensch im Hause spürte mehr

Den Geist von Anno Elf!