An Ämilien

C. Neefe

Wenn mit jungem Frühlingsglanze

Sich dein weißer Busen hebt,

Und im ungewohnten Tanze

Band und Kreuz und Schleier bebt;

O dann schleicht sich meinen Blicken

Ein gelinder Taumel ein,

Und ich wünsche mit Entzücken,

Schleier oder Kreuz zu sein.

Ruhst du von der Abendkühle

Unter Lauben eingewiegt,

Wo nach wiederholtem Spiele

Zephyr in den Locken siegt;

O dann wünsch' ich mir Gefieder,

Träume mich zur Laube hin,

Und versuche meine Glieder,

Ob ich noch nicht Zephyr bin.

Wenn in süssen Zaubertönen

Trillernd deine Stimme steigt,

Und im Chöre der Kamönen

Neidisch jede Lippe schweigt:

O dann gräbt sich meinem Busen

Jeder kleine Triller ein;

O dann sieh' ich alle Musen,

Bald von dir geliebt zu sein!