Lotte bei Werthers Grabe
C. Neefe
Ausgelitten hast du, ausgerungen,
Armer Jüngling, deinen Todesstreit,
Abgeblutet die Beleidigungen
und gebüßt für deine Zärtlichkeit.
O warum, o dass ich dir gefallen;
Hätte nie mein Auge dich erblickt!
Hätte nimmer von den Mädchen allen
Das verlobte Mädchen dich entzückt!
Jede Freude, meiner Seele Frieden
Ist dahin, ach ohne Wiederkehr.
Ruh und Glücke sind von mir geschieden
Und mein Albert liebt mich nun nicht mehr.
Einsam weil' ich auf der Rasenstelle,
Wo uns oft der späte Mond belauscht;
Jammernd irr' ich an der Silberquelle,
Die uns lieblich Wonne zugerauscht.
Bis zum Lager wo ich träum' und leide,
Ängsten Schrecken meine Phantasie,
Blutig wandelst du im Sterbekleide
Mit den Waffen, die ich selbst dir lieh.
Dann erwach' ich bebend und ersticke
Schnell den Seufzer, der mir schon entrann,
Bis ich weg von Alberts finsterm Blicke
Mich zu deinem Grabe stehlen kann.
Heilige mit frommen, kalten Herzen
Geh'n vorüber und verdammen dich:
Ich allein, ich fühle deine Schmerzen,
Teures Opfer, und beweine dich!
Werde weinen noch am letzten Tage,
Wo der Richter unsre Taten wiegt,
Und nun offen auf der furchtbar'n Waage
Deine Schuld und deine Liebe liegt.
Dann, wenn Lotte jenen süßen Trieben
Gern begegnet, die sie hier verwarf,
Vor den Engeln ihren Werther lieben
Und ihr Albert nicht mehr zürnen darf.
Dann, o! dräng' ich zu des Thrones Stufen
Mich, an meines Alberts Seite, zu,
Rufen wird er selbst, Verschonung rufen,
Ich vergeb' ihm: O verschone du!
Und der Richter wird Verschonung winken,
Ruh' empfängst du nach der langen Pein,
Und in einer Myrtenlaube trinken
Wir die Seligkeit des Himmels ein.