Schlaflied für Mirjam
Orff, Carl
Schlaf mein Kind - schlaf, es ist spät!
Sieh wie die Sonne zur Ruhe dort geht,
Hinter den Bergen stirbt sie in Rot.
Du - du weißt nichts von Sonne und Tod.
Wendest die Augen zum Licht und zum Schein -
Schlaf, es sind so viel Sonnen noch dein,
Schlaf mein Kind - mein Kind, schlaf ein!
Schlaf mein Kind - der Abendwind weht.
Weiß man, woher er kommt, wohin er geht?
Dunkel, verborgen die Wege hier sind,
Dir, und auch mir, und uns allen, mein Kind!
Blinde - so gehn wir und gehen allein,
Keiner kann Keinem Gefährte hier sein -
Schlaf mein Kind - mein Kind, schlaf ein!
Schlaf mein Kind und horch nicht auf mich!
Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich.
Schall nur, wie Windeswehn, Wassergerinn,
Worte - vielleicht eines Lebens Gewinn!
Was ich gewonnen gräbt mit mir man ein,
Keiner kann Keinem ein Erbe hier sein -
Schlaf mein Kind - mein Kind, schlaf ein!
Schläfst du, Mirjam? - Mirjam, mein Kind,
Ufer nur sind wir, und tief in uns rinnt
Blut von Gewesenen - zu Kommenden rollts,
Blut unsrer Väter, voll Unruh und Stolz.
In uns sind Alle, Wer fühlt sich allein?
Du bist ihr Leben - ihr Leben ist dein --
Mirjam, mein Leben, mein Kind - schlaf ein!