Das Waldweib
C. Reinthaler
Es tönt im Walde drinnen
So heimlich wunderbar,
Durch Blätter und Zweige rinnen
Verstohlene Lieder gar.
Der Hirte horcht und stehet,
Der Hirte steht und lauscht;
Es flüstert, singt und wehet,
Im Eichenwald es rauscht.
Hell klingen der Heerde Glocken,
Er fühlt eine süße Pein;
Er läßt sich ziehen und locken
Tief in den Wald hinein.
Welch zaubermächtig Singen!
O Wundermelodie!
Das Herz will ihm zerspringen,
Er stürzt auf seine Kniee.
Vom Laube fast verstecket,
Vom Goldhaar ganz umwallt,
Ruht auf das Moos gestrecket
Des Waldweibs nackte Gestalt.
Es ruht mit gewalt'gen Gliedern
Und singt aus voller Brust
In unbekannten Liedern
Von übersel'ger Lust.
Tiefblau die Augen scheinen
Und glutenhell der Mund,
Der Hirte möchte vor Weinen
Vergehen zu dieser Stund'.