Die Stiftung des Frauenklosters Lichtenstern
C. Schneider
Zu Weinsberg steht ein Hügel,
Der grauer Vorzeit Trümmer trägt,
In denen Westhauchs Flügel
In stiller Nacht die Harfe schlägt.
Hörst du dies fremde Klingen
Vom Berge durch die Rebenflur,
Fragst du: Woher dies Singen?
Singt ihren Kummer die Natur?
Ich armer, halb erblindet,
Saß jüngst dort auf bemoostem Stein,
Da hat der Klang entzündet
Im Innern mir den hellsten Schein.
Ja, dank dem Traumgesichte,
So mir die äußre Nacht zerstreut!
In mir im hellsten Lichte
Steht dieses Berges alte Zeit.
Da ragen hohe Türme,
Da steht ein langes Ritterhaus,
Ringmauern, fels'ge Schirme,
Die blicken stolz das Tal hinaus.
Da reiten kühne Ritter
Durch's Eisentor im Kleid von Stahl;
Doch aus Verließes Gitter
Statt Harfenlaut tönt Laut der Qual.
Und in der Burgkapelle,
Da kniet in tiefer Finsternis,
Beraubt der Augen helle,
Die fromme Gräfin Luitgardis.
Sie spricht, und Tränen flossen:
"Bekränzt hat heut mein Kind
Dein Bild mit Lilien und Rosen,
O Mutter Gottes, reich und mild!
Nur einmal noch laß sehen
Den Gatten mich, das süße Kind!
Dann werd' ich, soll's geschehen
Nach Gottes Rat, gern wieder blind."
Lang' fleht sie so in Nächten,
Bis draußen auch erstirbt das Licht;
Als plötzlich ihr zur Rechten
Maria strahlend steht und spricht:
"O Menschenleid! hast Grenzen!
Dir werde mehr, als du gefleht!
Blick auf, und sieh erglänzen
Den Stern, der licht gen Morgen steht!"
Das Fenster der Kapelle
Auf wehet Paradiesesduft;
Aufblickt die Gräfin helle
Und sieht den Stern in blauer Luft;
Sieht hoch aus goldnen Lüften
Die Mutter Gottes lächeln mild;
Ein wundersüßes Düften
Ringsum das Rebental erfüllt.
Des Dankes Tränen flossen
Aus Augen klar, nie wieder blind,
Auf des Altares Rosen,
Und die der Lust auf Mann und Kind.
Und dort, wo sie erschaute
Den lichten Stern am Walde fern,
Ein Kloster sie erbaute,
Das hieß zum Dank sie: Lichtenstern.
Die Glocken hör' ich klingen,
Hör' in des Chores Heiligtum
Viel zarte Stimmen singen:
"Der Mutter Gottes Preis und Ruhm."
Des innern Schauens Schimmer
Ungern aus meiner Seele schwand.
Da lag die Burg inTrümmer,
Und die Kapelle nicht mehr stand.
Und wehmutsvoll aus Mauern
Klang mir der Äolsharfe Laut,
Als hätt' Natur zum Trauern
Sich ein Asyl hier aufgebaut.
Ich rief: "O du Kapelle!
Zieg mir von dir noch einen Stein!
Um meiner Augen Helle
Soll heiß auf ihm gebetet sein.
Und du, Maria, Reine,
Kommt's, daß mein Auge decket Nacht,
Hier mir in Lieb' erscheine
Und zeig mir eines Sternes Pracht!
Kein Kloster kann ich bauen;
Doch Mutter Gottes! mein Gesang,
Soll tönen lieben Frauen
Zum Preis und Ruhm mein Leben lang!"