Abendlied eines Mädchens

C. Schubart

Wann des Abends Rosenflügel

Kühlend, über Thal und Hügel,

Über Wald und Wiese, schwebt;

Wann der Thau die Bäume tränket,

Sich in bunte Blumen senket,

Und an jungen Aehren bebt;

Wann im Schalle heller Glocken

Heimwärts sich die Schafe locken,

Und im Gehn das Lämmchen saugt;

Wann das Geißblatt süße Düfte

In dem Wehen leiser Lüfte

Labend mir entgegen haucht;

Wann die schweren Kühe brüllen,

Gern die blanken Eimer füllen,

Und die Dirne melkend singt,

Dann, auf ihrem bunten Kranze,

Leicht, als schwebte sie im Tanze,

Süße Milch nach Hause bringt;

Wann die Erlen duftend säuseln;

Wann die Mücken Teiche kräuseln;

Wann der Frosch sich, quakend, bläht,

Wann der Fisch im Wasser hüpfet,

Aus der kalten Tiefe schlüpfet,

Und der Schwan zu Neste geht;

Wann, im Nachtigallenthale,

Hesper mit verliebtem Strahle

Heimlich meine Quelle küßt;

Wann, wie eine Braut erröthend,

Luna freundlich kommt, und flötend

Philomele sie begrüßt:

Dann umschweben süße Freuden,

Hand in Hand mit stillen Leiden,

Meinen Geist; mein Auge weint.

Wann die Thrän' in Luna's Schimmer

Bebet, weiß ich selbst nicht immer,

Was die stille Thräne meint.

Manche nannt' ich Freudenthränen,

Die vielleicht geheimes Sehnen

Dem getäuschten Auge stahl,

Mancher leise Wunsch entbebte

Seufzend meiner Brust, und schwebte

Ungesehn im Mondenstrahl.

Ich beschwör' euch, Abendlüfte!

Ich beschwör' euch, kühle Düfte!

Hesper! Luna! Nachtigall!

Sagt, beschleichet dieses Sehnen

Mich allein mit solchen Thränen

Im geheimen Mondenstrahl?