Sühne

C. Sinding

Ich will ihn erleiden, den bittren Tod,

Ich will die Sühne tragen,

Ich habe keim Kreuzweg im Morgenrot,

Meinen Bruder erschlagen.

Wie loderndes Feuer war sein Weib,

Blauäugig und dunkel von Haaren,

Schwanweiß erglänzte ihr schöner Leib,

Und wie Blut ihre Lippen waren.

Und so heiß und so schwül war die Frühlingsnacht,

So betäubend der Duft der Flieder,

So lockend hat sie mich angelacht

Wieder und immer wieder.

Sie sprach mir von Liebe und Liebeslust,

Und ich bin niedergesunken

Und habe an ihrer weißen Brust

den Trank der Liebe getrunken.

Sie küßte mich wild und küßte mich lang,

Und hörte nicht auf zu bitten,

Bis ich im Mondschein die Straße entlang

Hinaus auf die Heide geritten.

Noch brannte auf meinen Lippen ihr Kuß,

Ihr Lied mir klang in den Ohren,

Und silbern glänzten an meinem Fuß

Die Räder der breiten Sporen.

Am Kreuzweg vor unseres Heilands Bild

Kniet' ich zum Beten nieder.

Doch lockend klangen so süß, so wild

Im Ohre mir ihre Lieder.

Mir war, als ob ihres Kleides Saum

An mir vorüberrauschte,

Als ob mit ihr im düstern Raum

feurige Küsse tauschte.

So lag ich am Kreuz, meine Seele rang,

Im Osten begann es zu tagen,

Da zog mein Bruder die Straße entlang,

Da hab' ich ihn erschlagen.

Ich raste zurück in wilder Lust

Ihren Küssen entgegen

Und habe an ihrer weißen Brust

Im Frühlichtscheine gelegen.

Ihre Lippen waren wie Blut so rot

Und so lüstern nach meinen Küssen,

Und heute werd' ich den bitteren Tod

Der Sühne tragen müssen.