Die Lethe des Lebens
Carl Maria (Friedrich Ernst) von Weber
Wenn, Brüder! wie wir täglich sehen,
Der Weis' in Armuth niedersinkt,
Indessen bey Fortunas Drehen
Der Narr auf ihrer Kugel blinkt;
Wenn Schwelger gleiches Muths erpressen
Der Menschen und der Trauben Blut --
Dann, Freunde, trinkt, um zu vergessen
Der goldnen Thoren Übermuth!
Wenn hagrer Bauern heis're Klagen
Verhallen an der Marmorwand,
Und der Baron, den Tross zu jagen,
Die Peitsche schwingt mit eigner Hand;
Wenn gegen Menschenrecht vermessen
Sein Land er düngt mit ihrem Schweiss --
Dann, Freunde, trinkt, um zu vergessen
Was keiner noch zu bessern weiss!
Wenn dort ein Weib mit reinem Herzen,
Verkannt vom ungerechten Mann,
Durch sanfte Thränen stiller Schmerzen
Nie sühnt den scheelen Haustyrann;
Wenn Harm und Schmach ihr Leben fressen,
Und nichts sie tröstet als der Tod --
Dann, Freunde, trinkt, um zu vergessen
Dass Jammer selbst der Tugend droht!
Wenn dort im Frühling ihrer Tage
Ein holdes unerfahrnes Kind
Ihr Herz verschenkt, und Gram und Klage
Ihr Lohn für reine Liebe sind;
Wenn Er, der ihr im Schooss gesessen,
Sie mordet mit der Schande Gift --
Dann, Freunde, trinkt, um zu vergessen
Dass Mehlthau selbst die Rosen trifft.
O! wäre nicht der Saft der Trauben,
Wer weilte gern hienieden doch?
Das Laster sehn wir Throne rauben,
Und das Verdeinst im Sklavenjoch.
Wer kann der Erde Weh ermessen?
Es winselt hier und überall --
Auf, Freunde, trinkt, um zu vergessen
Das ganze düstre Jammerthal!