Abendlied

Carl Martin Reinthaler

Ich stand auf Berges Halde,

Als heim die Sonne ging,

Und sah, wie überm Walde

Des Abends Goldnetz hing.

Des Himmels Wolken tauten

Der Erde Frieden zu,

Bei Abendglockenlauten

Ging die Natur zur Ruh'.

Ich sprach: «O Herz, empfinde

Der Schöpfung Stille nun,

Und schick' mit jedem Kinde

Der Flur dich auch, zu ruhn.»

Die Blumen alle schließen

Die Augen allgemach,

Und alle Wellen fließen

Besänftiget im Bach.

Nun hat der müde Silfe

Sich unters Blatt gesetzt,

Und die Libell' am Schilfe

Entschlummert taubenetzt.

Es ward dem goldnen Käfer

Zur Wieg' ein Rosenblatt;

Die Herde mit dem Schäfer

Sucht ihre Lagerstatt.

Die Lerche sucht aus Lüften

Ihr feuchtes Nest im Klee,

Und in des Waldes Schlüften

Ihr Lager Hirsch und Reh.

Wer sein ein Hüttchen nennet,

Ruht nun darin sich aus;

Und wen die Fremde trennet,

Den trägt ein Traum nach Haus.

Mich fasset ein Verlangen,

Daß ich zu dieser Frist

Hinauf nicht kann gelangen,

Wo meine Heimat ist.