Vor einer Genziane

D. Lange

Die schönste der Genzianen fand ich einsam erblüht

Tief unten in kühler Waldschlucht

O, wie sie durchs Föhrengestrupp heraufschimmerte

Mit den blauen prächt'gen Glocken.

Gewohnten Waldespfad komm ich

Nun Tag um Tag gewandelt

Und steige hinab in die Schlucht,

Und blick' der schönen Blume tief ins Aug'

Schöne Blume, was schwankst du doch

Vor mir in unbewgten Lüften so scheu, so ängstlich?

Ist denn ein Menschenaug' nicht werth

Zu blicken in ein Blumenantlitz

Trübt Menschenmundes Hauch den heil'gen

Gottesfrieden dir, in dem du athmest?

Ach, immer wohl drückt Schuld

Drückt nagende Selbstanklage

Die sterbliche Brust, und du Blume,

Du wiegst in himmlischer Lebensunschuld die wunderbaren Kronen

Doch blick' nicht all zu vorwurfsvoll mich an!

Sieh, hab ich doch eines voraus bei dir:

Ich habe gelebt: Ich habe gestrebt,

Ich habe gerungen, ich habe geweint,

Ich habe geliebt, ich habe gehasst,

Ich habe gehofft, ich habe geschaudert.

Der Stachel der Qual, des Entzückens hat in meinem Fleische gewühlt,

Alle schaue des lebens und des Todes sind durch meine Sinne geflutet,

Ich habe mit Engelchöre gespielt, ich habe gerungen mit Dämonen.

Du ruhst, ein träumendes Kind am Mantelsaum des Höchsten, ich aber,

Ih habe mich emporgekämpft zu seinem Herzen

Ich habe gezerrt an seinem Schleiern

Ich hab' ihm beim Namen gerufen

Emporgeklettert bin ich auf einer Leiter von Seufzern,

Und hab' ihm ins Ohr gerufen: "Erbarmung!"

O Blume, heilig bist du, selig und rein;

Doch heiligt, was er berührt,

Nicht auch der zündende Schicksalsblitz?

O blick nicht all zu vorwurfsvoll mich an, du stille Träumerin,

Ich habe gelebt, ich habe gelitten.