An die Ruhe

J. von Dalberg

Neige dich von deinem Throne,

du der Unschuld Trösterin,

streu' aus deiner Zauberkrone

mir auch Schlummerkörner hin,

dass, nach schwer durchweinten Nächten

mir mein ungetreuer Freund,

kühlen Mohn in seiner Rechten,

mit dem Abendstern erscheint.

Wo du herrschest, wohnt der Friede,

schläft der Leidenschaften Wut,

wird der Geiz des Goldes müde,

wallt des Wüstlings siedend Blut

ruhiger durch jede Ader,

heischt der Stolz kein Ordensband,

schweigt des Neides blinder Hader,

schwindet jeder Erdentand.

Selten wohnst du in Palästen,

wo der Tugend Keim verdorrt;

das Geräusch von Hofesfesten

scheuchet dich auf immer fort

von der Fürsten Ruhekissen,

wo die finst're Sorge wacht,

die ein blutendes Gewissen

oft zu Folterbänken macht.

Wer nach falschen Würden geizet,

wer, aus schnödem Durst nach Gold,

ungetreue Flut durchkreuzet,

lohnet nie dein süßer Sold!

Auf der Leidenschaften Wogen,

wie ein zweiter Tantalus

ewig hin und her gezogen,

sucht er, was er fliehen muss.

Du vermeidest Marmorschwellen,

raubst kein Erz aus tiefer Schacht,

fliehst des Meeres falsche Wellen,

bebst zurück vor Mord und Schlacht.

Perus Schätze sind dir Bürde,

deiner Wonnen frühes Grab,

und statt Fürstenprunk und Würde

wählst du dir den Hirtenstab.

Du bewohnst des Landmanns Hütte,

die der Kranz der Unschuld schmückt,

wo der Einfalt Taubensitte

jeden falschen Wunsch erstickt,

tanzest bei des Abends Kühle

in der Winzer frohen Reih'n,

mischest gern dich in die Spiele

unbefang'ner Kinder ein.

Deine Gunst macht Sklavenketten

leicht wie Amors Rosenband,

Steine weich wie Schwanenbetten;

deine zauberische Hand

schafft aus öden Finsternissen

Tempe und Elysium;

Zähren, die verborgen fließen,

wandelst du in Lächeln um.

Wer, verkannt und unverschuldet,

des Verfolgers Tyrannei,

stolz auf inner'n Wert, erduldet,

machst du selbst im Kerker frei.

Dem, den eine Welt verachtet,

der, gekränkt bis in den Tod,

im Verborg'nen darbt und schmachtet,

würzest du sein trock'nes Brot.

Göttin, sei auch meinem Leben

als Gefährtin zugesellt,

lass mich deinen Sohn umschweben,

der der Träume Füllhorn hält,

dass er, wenn mein Auge weinet,

meinen Mut durch Hoffnung nährt,

bis sein Bruder mir erscheinet

und die Fackel lächelnd kehrt.