Wie die Galgenlieder entstanden
E. Boer
Es waren einmal acht lustige Könige; die lebten.
Sie hießen aber so und so. Wer heißt überhaupt?
Man nennt ihn. Eines Tages aber sprachen die
lustigen Könige zueinander, wie Könige zueinander sprechen.
"Die Welt ist ohne Salz; laßt uns nach Salz gehen!"
sagte der zweite.
"Und wenn es Pfeffer wäre", meinte der sechste.
"Wer weiß das Neue?" fragte der fünfte.
"Ich!" rief der siebente. "Wie nennst du's?" fragte der erste.
"Das Unterirdische", erwiderte der siebente, "das Links, das Rechts,
das Dazwischen, das Nächtliche, die Quadrate des
Unsinnlichen über den drei Seiten des Sinnlichen."
"Und der Weg dazu?" fragte der achte.
"Das einarmige Kreuz ohne Kopf mit der Basis über dem Winkel",
sagte der siebente.
"Also der Galgen!" sagte der vierte.
"Esto", sprach der dritte.
Und alle wiederholten: "Esto", das heißt "Jawohl".
Und die acht lustigen Könige rafften ihre
Gewänder und ließen sich von ihrem Narren
hängen. Den Narren aber verschlang alsogleich
der Geist der Vergessenheit. -
[Betrachten wir den "Galgenberg" als ein Lugaus
der Phantasie ins Rings. Im Rings befindet sich
noch viel Stummes.
Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung.
Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten,
Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht.
Man weiß, was ein "mulus" ist: die beneidenswerte
Zwischenstufe zwischen Schulbank und Universität.
Nun wohl: ein Galgenbruder ist die beneidenswerte
Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum.
Nichts weiter. Man sieht vom Galgenberg die Welt
anders an, und man sieht andre Dinge als andre.]