Die erste Traube

E. Grell

Farbenreich wölbt sich der Bogen

Der Versöhnung hoch und hehr:

Stürme schweigen, Wasserwogen

Wälzen sich zurück ins Meer.

Sonnenglut weckt neuen Flor,

Und die Rebe rankt empor.

Denn gestillet ist das Zürnen,

Heimgebracht der Friedenszweig;

Üppig schmücket Thal und Firnen

Neuer Schöpfung Blüthenreich.

Liebe gründet ihr Gebiet,

Und die erste Traube glüht.

Und der Mensch ergreift den Becher,

Schöpft und schlürft den Traubensaft.

Da durchströmt den ersten Zecher

Plötzlich wundersame Kraft.

Alles tanzet um ihm her,

Selber kennt er sich nicht mehr.

Himmelsgabe! Freudenquelle!

Lebensbalsam! goldner Wein!

Finsterniß in Lichteshelle

Wandeln deine Zauberei'n!

Wo du waltest, flieht der Schmerz,

Und in Wonnen hüpft das Herz.

Brüder sehet, in Pokalen

Glüht auch uns der Feuertrank!

Klinget, singet, -- so bezahlen

Wir der Liebe rechten Dank,

Die den Farbenbogen spannt,

Die den Weinstock hat gesandt.