Hafenruhe

E. Kunz

Ich stand auf hohem Schiffe;

an lachenden Ufern frei,

am schroffen Felsenriffe

flog es wie Sturm vorbei.

An grünenden Inselauen

selbst hatt' es nicht Rast und Ruh';

es eilte den fernen, blauen,

den heimischen Bergen zu.

Nun sitz' ich daheim im Hafen

und darf, wenn die Woge lind

das Ufer umplätschert, darf schlafen,

wie einst ich schlief als Kind.

Doch wo sind die Kinderträume,

die Zauberbilder der Brust,

der Kindheit Feenbäume

mit ihrer Blütenlust?

Sie müssen, vom Sturme zersplittert,

zerstreut in die Lüfte sein;

dort, weit in der Ferne, zittert

nur schwach noch ein Widerschein.

D'rum fort aus dem nüchternen Hafen!

Willkomm' mir, Wogen und Wind!

Ich kann ja nicht mehr schlafen,

wie einst ich schlief als Kind.

Mich hat das Leben ergriffen;

mit Sturm und Woge vertraut

will ich es mutig durchschiffen,

bis meine Scheitel ergraut.

Bis spät versenkt im Hafen

die letzten Anker sind;

dann werd' ich auch wieder schlafen

und träumen wie einst als Kind.