Wintersonne

E. Nauwerk

Du ew'ger Wand'rer, Sonnenschein,

Warst lange nicht in meinem Lande,

Das stets gelockt die Küsse dein

In Frühlingstraumes Zauberbande.

Du weißt doch, wie das Land dich liebt,

Und daß im Maien Blüthenregen

Von deinem Lächeln niederstiebt,

Als wollt'st dein Eden hier du hegen.

Mit früchtereicher Flur alsbald,

Von tausend Blumen zart umbreitet,

Von Liederharmonien umwallt,

Das Land dir früh entgegenschreitet.

Wie einen Boten wonnereich,

Vom lieben Gott hat's dich empfangen

Und drückt dich, einem Bräut'gam gleich,

An seine Brust so voll Verlangen.

Doch kannst du ganze Monde lang

Der fremden Welten Raum durchmessen,

Das kleine Land, das harrend bang

Hinwelket, hast du ganz vergessen.

Wenn euch so hohes Glück verlieh'n

Von solchem süßen Wiedersehen --

Wie kannst du, Schelm, so leicht entfliehn

Und Nachts wo anders schlafen gehen?

Giebst ihm kein Lebenszeichen, hart

Läßt seinen Himmel öde fegen

Und läßt sein Herz zu Eis erstarrt,

Als hätt' es todt im Sarg gelegen.

Wenn du so schön doch, Sonnenschein,

Für dich so schön ein Land auf Erden,

Und dir so treu die Liebste dein,

Wie kannst du nur so untreu werden?