Frühlingswunder

E. Rohde

Sieh', der Winter ist gegangen,

Schnee und Regen ist vorbei;

Leben, das der Tod gefangen,

Bricht die Bande und wird frei.

Aller Orten regt sich mächtig,

Was des Winters Schlaf gedrückt,

O, und bald steht Alles prächtig,

Frühlingsmäßig ausgeschmückt.

Seinen Odem läßt Gott wallen

Lebenswarm durch Wald und Flur;

Auferweckungsstimmen schallen

In die Gräber der Natur.

Ihre Adern wieder fließen,

Und ihr Antlitz färbt sich schön,

Tausend Lebenskeime sprießen

In den Thälern, auf den Höh'n.

Zarte Blumen öffnen zagend

Hier und da ihr enges Haus,

Strecken ihre Häupter fragend

In die milde Luft hinaus.

Da wird lauter Ruf vernommen,

Sorgenloser Vögel Chor:

Ja, der Frühling ist gekommen,

Kommt, ihr Blumen, kommt hervor!

Überall erschallt es deutlich:

Leben ist vom Tod erwacht!

Und die Erde schmückt sich bräutlich,

Und der blaue Himmel lacht.

Komm, dieß Wunder anzusehen,

Freu' dich, Seele, inniglich:

Gott läßt seinen Odem wehen,

Und der Frühling kommt für dich.