Todessehnen

E. Wolff

So oft ich – wehe mir! – daran muß denken,

Daß ich nie wieder soll

Die Herrin sehn, um die ich so mich quäle,

Dann wächst mein Weh, dann sprech' ich tränenvoll

Zur schmerzzerrissnen Seele:

»O meine Seele, kannst du denn nicht scheiden?

Es werden dich noch viele Qualen kränken

Im Leben, dessen du schon jetzt so müde,

Die füllen mich schon heut' mit schwerem Bangen.«

Und nach dem Tod muß ich verlangen,

Im Tode nur ist lieblich süßer Friede.

Ich rufe: »Komm, o Tod – sieh all mein Leiden –

Sieh! jeden, der da stirbt, muß ich beneiden!«

Es tönt durch meiner Seufzer herben Schall

Ein Wehelaut der Klage,

Der nach dem Tode ruft allein,

Zum Tode kehrten sich an jenem Tage,

An dem die Herrin mein

Grausam das Schicksal traf, die Wünsche all.

Denn ihre wonnesame Schönheit ward,

Nachdem sie schied aus unserem Verein,

Verklärt zu geist'ger Schönheit hoher Art,

Die durch die Himmel gießet

Ein Liebeslicht, das alle Engel grüßet

Und jener hohen Geister Seligkeit

Erstaunen macht ob solcher Lieblichkeit.