Der alte Vagabund
Edouard Lalo
In dieser Rinne will ich sterben,
Ich bin so alt, krank und matt.
Mag man auch betrunken mich schelten-
Es sei! Ihr Mitleid hab' ich satt.
Die einen, sie blicken zur Seite,
Andre werfen mir einen Sou.
Säumet nicht! Eilt zu Euren Festen.
Der Vagabund kann sterben dann in Ruh.
Ja, vor Alter muß ich verrecken,
Denn am Hunger sterbe ich nicht.
Im Hospital einen Platz zu finden,
Hoffte ich für mich armen Wicht.
Doch nirgends fand ich eine Stätte:
Allzu groß ist im Volk ja die Not!
War nun die Straße einst meine Wiege,
So will ich dort auch finden meinen Tod.
Gern ein Handwerk hätt' ich erwählet;
Einen Meister suchte ich mir,
Aber ich konnte nicht arbeit finden,
Und man wies mich von jeder Tür.
Zwar nannten faul sie mich, die Reichen,
Doch sie machten zuweilen mich satt,
Und oftmals fand in ihrem Stalle
Der Vagabund auch eine Lagestatt.
Freilich, ich hätte stehlen auch können,
Aber lieber streckt ich aus die Hand;
Ein paar Äpfel vom Baum nur pflückt' ich
Den im Herbst ich am Wege fand.
Doch kam ich hinter Schloß und Riegel,
Denn als Dieb sperrte man mich ein;
Man raubte mir die letzte Habe:
Die freie Luft, den warmen Sonnenschein.
Hat denn ein Vaterland der Arme?
Was geht mich denn alles dies an?
All euer Ruhm, im Kampfe errungen,
Ja doch nicht satt mich machen kann.
Als kürzlich der Feind eingezogen,
Siegreich, in die Mauern von Paris:
Wie ein Kind mußt ich Tränen vergießen,
Obgleich der Feind mich niemals darben ließ.
Wie ein Insekt, zu schaden erkoren,
Hätte man besser schnell mich zerdrückt;
Aber hätte man mich erzogen,
Fühlt ich vielleicht mich jetzt reich beglückt.
Bewahrt vor allen Fährlichkeiten,
Zum Guten hätt ich mich gewandt;
Es hätte dann euch lieben können
Der Vagabund, den euern Feind ihr genannt.