Der Blumen Rache

Eduard Rohde

Auf des Lagers weichem Kissen

ruht die Jungfrau, schlaf befangen,

tiefgesenkt die braune Wimper,

Purpur auf den heißen Wangen.

Schimmernd auf dem Binsenstuhle

steht der Kelch, der reichgeschmückte,

und im Kelche prangen Blumen,

duft'ge, bunte, frischgepflückte.

Brütend hat sich dumpfe Schwüle,

durch das Kämmerlein ergossen,

denn der Sommer scheucht die Kühle,

und die Fenster sind verschlossen.

Stille rings, und tiefes Schweigen!

Plötzlich, horch! ein leises Flüstern!

In den Blumen, in den Zweigen

lispelt es und rauscht es lüstern.

Aus den Blütenkelchen schweben

geistergleiche Duftgebilde;

ihre Kleider zarte Nebel,

Kronen tragen sie und Schilde.

Aus dem Purpurschoß der Rose

hebt sich eine schlanke Frau;

ihre Locken flattern lose,

Perlen blitzen drin, wie Tau.

Aus dem Helm des Eisenhutes

mit dem dunkelgrünen Laube

tritt ein Ritter kecken Mutes;

Schwert erglänzt und Pickelhaube.

[Auf der Haube nickt die Feder

von dem Silbergrauen Reiher.

Aus der Lilie schwankt ein Mädchen,

dünn, wie Spinnweb', ist ihr Schleier.]

Aus dem Kelch des Türkenbundes

kommt ein Neger stolz gezogen;

licht auf seinem grünen Turban

glüht des Halbmonds goldner Bogen.

Prangend aus der Kaiserkrone

schreitet kühn ein Scepterträger;

aus der blauen Iris folgen

schwertbewaffnet seine Jäger.

Aus den Blättern der Narzisse

schwebt ein Knab' mit düstern Blicken,

tritt ans Bett, um heiße Kisse

auf des Mädchens Mund zu drücken.

Doch um's Lager drehn und schwingen

sich die andern wild im Kreise;

drehn und schwingen sich, und singen

der Entschlafnen diese Weise:

"Mädchen, Mädchen! Von der Erde

hast du grausam uns gerissen,

daß wir in der bunten Scherbe

schmachten, welken, sterben müssen!

"O wie, ruhten wir so selig

an der Erde Mutterbrüsten,

wo, durch grüne Wipfel brechend,

Sonnenstrahlen heiß uns küßten;

"wo uns Lenzeslüfte kühlten,

unsre schwanken Stengel beugend;

wo wir Nachts als Elfen spielten,

unserm Blätterhaus entsteigend.

["Hell umfloß uns Tau und Regen;

Jetzt umfließt uns trübe Lache;

Wir verblüh'n, doch eh' wir sterben,

Mädchen! trifft dich uns're Rache."]

[Der Gesang verstummt; sie neigen

Sich zu der Entschlaf'nen nieder.

Mit dem alten dumpfen Schweigen

Kehrt das leise Flüstern wieder.]

Welch ein Rauschen, welch ein Raunen!

Wie des Mädchens Wangen glühen!

Wie die Geister es anhauchen,

wie die Düfte wallend ziehen!

Da begrüßt der Sonne Funkeln

das Gemach; die Geister weichen.

Auf des Lagers Kissen schlummert

kalt die Lieblichste der Leichen!

Eine welke Blume selber,

noch die Wange sanft gerötet,

ruht sie bei den welken Schwestern:

deren Geister sie getödtet!