Sehnsucht der Liebe

Emilie Zumsteeg

Wie die Nacht mit heil'gem Beben

Auf der stillen Erde liegt!

Wie sie sanft der Seele Streben,

Üpp'ge Kraft und volles Leben

In den süßen Schlummer wiegt.

Aber mit ewig neuen Schmerzen

Regt sich die Sehnsucht in meiner Brust.

Schlummern auch alle Gefühle im Herzen,

Schweigt in der Seele Qual und Lust: -

Sehnsucht der Liebe schlummert nie,

Sehnsucht der Liebe wacht spät und früh.

Leis', wie Äols-Harfentöne

Weh't ein sanfter Hauch mich an,

Hold und freundlich glänzt Selene,

Und in milder geist'ger Schöne

Geht die Nacht die stille Bahn.

Aber auf kühnen stürmischen Wegen

Führt die Liebe [den trunkenen Sinn.

Wie alle Kräfte gewaltig sich regen!]

Ach! und die Ruhe der Brust ist dahin:

Sehnsucht der Liebe schlummert nie,

Sehnsucht der Liebe wacht spät und früh.

Tief, im süßen heil'gen Schweigen

Ruht die Welt, und athmet kaum.

Und die schönsten Bilder steigen

Aus des Lebens bunten Reigen,

Und lebendig wird der Traum.

Aber auch in des Traumes Gestalten

Winkt mir die Sehnsucht, die schmerzliche, zu,

Und ohn' Erbarmen, mit tiefen Gewalten

Stört sie das Herz aus der wonnigen Ruh:

Sehnsucht der Liebe schlummert nie,

Sehnsucht der Liebe wacht spät und früh.

So entschwebt der Kreis der Horen,

Bis der Tag in Osten graut.

Da erhebt sich, neugeboren,

Aus des Morgens Rosen-Thoren,

Glühendhell die Himmels-Braut.

Aber die Sehnsucht in meinem Herzen

Ist mit dem Morgen nur stärker erwacht.

Ewig verjüngen sich meine Schmerzen,

Quälen den Tag, und quälen die Nacht:

Sehnsucht der Liebe schlummert nie,

Sehnsucht der Liebe wacht spät und früh.