Das Röslein und der Wind

F. Abt

Es stand ein Röslein tief im Thal,

Sah hoch die Vöglein fliegen:

"Ach, könnt' ich nur ein einzig Mal

Mich in den Lüften wiegen!

Dann flöf' ich hoch ins Ätherblau,

Um in der Nähe mir genau

Die Sonne zu betrachten."

Da kam der Wind, da sprach der Wind:

"Lieb' Röslein, laß dein Klagen,

Ich will dich, leichtes Blütenkind,

Auf meine Schwingen tragen.

Ich trage dich, wenn dir's gefällt,

Hinauf bis an das Sonnenzelt,

Viel tausend tausend Meilen."

Das Röslein sprang vom Strauche froh,

Der Wind fing an zu brausen.

"Ach, lieber Wind, du mußt nicht so

Die Blätter mir zerzausen,

Sonst ist's um meinen Schmuck gethan

Und ganz verunziert komm' ich an

Im goldnen Sonnenzelte."

Da lachte tückisch auf der Wind:

"Macht dir mein Wehen Grauen?

Wer hieß dich, thöricht Blütenkind,

Auf Windes Worte bauen?

Ade! mich lockt ein andres Spiel."

Er brauste fort, das Röslein fiel

Entblättert auf die Erde.